Geschichte der Kontaktanzeige - Teil 2:
Heiratsannonce und Mitgift

Aktualisiert: 19. April 2018

Im 18. und 19. Jahhundert wird das gesellschaftliche Leben von Männern dominiert. In Wirtschaft und Politik sind es Männer, die das Sagen haben. Die Mitgift stand noch hoch im Kurs, denn das standesgemäße Leben sollte vom Brautvater im Voraus bezahlt werden. In Heiratsannoncen aus dieser Zeit wurden finanzielle Vorstellungen klar benannt. Das änderte sich dann nach dem ersten Weltkrieg und wandelte sich bis ins Jahr 2000 weiterhin enorm.

Diese Seite gehört zu:
"Die Kontaktanzeige im Wandel der Zeit".

In diesem Abschnitt unseres Kontaktanzeigen-Dossiers geht es um die bewegte Geschichte und die verschiedenen Formen von Kontaktinseraten.

Kontaktanzeigen und Heiratsannoncen im 18. sowie 19 Jhd. - eine Zeitreise

Bevor man sich überhaupt der Heiratsannonce zuwendet, muss man sich die Situation des Bürgertums im 18. und 19. Jahrhundert vor Augen führen: Das gesamte wirtschaftliche und politische Leben der Städte wird zumindest nach Außen hin von Männern dominiert. Sie sammeln Vermögen in Geld und Immobilien und versuchen von Generation zu Generation, das Grundvermögen zu halten und es möglichst durch geschickte Geschäftstätigkeit zu vermehren.

Sicher – um das Vermögen weiter zu vererben und den Namen des Kaufmanns weiterhin in Ehren zu halten, braucht man Nachkommen, aber da ergibt sich ein Problem: Nach der allgemeinen Auffassung des Bürgertums darf eine Ehefrau den Gatten finanziell bestenfalls geringfügig belasten. Das standesgemäße Leben, das die Tochter im Haus der Eltern gewohnt war und das ihr nun auch als Ehefrau gebührt, ist allerdings teuer und aufwendig – und es wird erwartet, dass es vom Brautvater im Voraus bezahlt wird.

Die Mitgift in der Heiratsannonce bis zum 20. Jahrhundert

Diese Vorauszahlung wird Mitgift genannt. Sie ist der Schlüssel zur Ehe – denn wenn es keine Mitgift gibt, bleibt die Tochter „sitzen“ und kann nicht heiraten. Die Mitgift, die ein Brautvater im 19. Jahrhundert seiner Tochter mitgeben musste, um sie standesgemäß zu verheiraten, betrug zwischen 50.000 und 200.000 Reichsmark für eine bürgerliche Ehe. Nach unserem heutigen Geldverständnis sind dies Millionenbeträge, die wir gut und gerne mit dem Faktor 25 bis 50 multiplizieren können, um auf den heutigen Eurowert zu kommen.

Bereits in der Heiratsannonce wurde klar gemacht, was man vom Brautvater erwartete: „Sofortiges, disponibles Vermögen von ca. 150 – 200 Mille erwünscht“. Dass dergleichen auch geboten wurde, beweist diese Heiratsannonce: „Suche für meine Tochter, evangelisch, 25 Jahre … (folgt die Beschreibung) bei angenehmer Aussteuer von 5000 Mark als Zinsen aus einem sichergestellten Kapital von 100.000 Mark“. Diese Zinsen überstiegen bereits das Jahreseinkommen eines Professors.

Wer einen wirklichen Adelstitel für seine Tochter wollte, musste noch tiefer in die Tasche greifen: Für vier Millionen Mark Mitgift wollte ein österreichischer Adliger die Ehe eingehen – die Hälfte davon sollte mindestens am Hochzeitstag ausgezahlt werden.

Wurde bewusst eine Konvenienzehe („Vernunftehe“) via Heiratsannonce gesucht oder geboten, fielen die Geldwünsche in der Regel höher aus als bei einer Neigungsehe. Das typische Merkmal der Konvenienzehe war ja, dass die Tochter so gut wie gar keinen Einfluss daraus hatte, wen sie heiraten würde – die Eltern wählten den in Frage kommenden Ehemann aus und verhandelten mit ihm den Ehevertrag – durchaus im Glauben, damit das Beste für die Tochter zu tun.

Die sogenannte „Tochterempörung“ war selten – und selbst wenn die Tochter protestierte, wurde ihr mit sanfter Gewalt nahegelegt, doch den Weg der Vernunft zu wählen.

Die Töchter selbst suchten für sich natürlich ebenso einen Ausweg aus der unbefriedigenden Situation, „sitzen zu bleiben“ und erwarteten, dass sie als Hausherrin in einem vergleichbaren Haushalt mehr Macht, Einfluss und Freiheiten haben würden als im Elternhaus.

Kontaktanzeigen in Hülle und Fülle:

Die aus der romantischen Literatur bekannte „Liebesheirat“ existierte vor allem in den Köpfen der Dichter – die Tochter hatte, wenn überhaupt, ein sehr geringfügiges Mitspracherecht bei der Partnerwahl. Zwar wurde für die eher sensible Tochter mit künstlerischen Neigungen dann doch eher eine „Neigungsheirat“ als eine Konvenienzehe gesucht, der Tenor der Heiratsannonce aber war der gleiche:„Für meine Verwandet, 20 Jahre, vornehme, hübsche, blonde, intelligente sehr musikalische Jüdin, einziges Kind, wird Neigungsheirat gewünscht. Mitgift 50.000 M.“

Auffällig ist, dass seitens der Eltern darauf geachtet wird, dass der Herr „nachweisbar ein hohes Einkommen“ besitzt, während die Suchenden möglichst zu verschleiern suchen, welche Vermögenswerte sie besitzen – bestenfalls wird mal geschrieben: „Schulden sind keine vorhanden“.
Es blieb nicht aus, dass die Heiratsannoncen zahllose „Mitgiftjäger“ anlockte, die gar nicht daran dachten, eine solide Ehe zu führen, sondern das Geld nahmen und es – mal mit Huren, mal am Spieltisch – durchbrachte, wenn ihnen nicht überhaupt bereits das Wasser bis zum Halse stand und eine Mitgift die einzige Chance war, die Schulden zu bezahlen.

Interessant ist anzumerken, dass auch die zweite oder dritte Ehe oft über eine Heiratsannonce gesucht wurde – und in diesem Fall auch ohne Mitgift. Der Grund liegt im Kindbettfieber, dass viele Frauen bei der Geburt eines ihrer Kinder hinwegrafft. Der Ehemann musste sich dann innerhalb kürzester Zeit nach einer neuen Frau umsehen, die den Haushalt und die Kinder versorgte.

Die Heiratsannonce in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg und die auf ihn folgende Inflation (1914 bis 1923) zwingt das Bürgertum in die Knie. Die „Mitgift“ als lebenslanger Unterhalt für die Ehefrau fällt weg und an ihre Stelle tritt die Aussteuer, die in mehr und mehr in Sachwerten angespart wird.

Die Heiratsannonce hat nun andere Aufgaben. Frauen suchen jetzt selber via Heiratsannonce nach einem Ersatz für die im Krieg getöteten Ehemänner – nicht nur, um ihren Status zu verbessern, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen – zum Beispiel, weil der Handwerksbetrieb durch einen Meister fortgeführt werden muss.

Auch die reine Neigungsheirat wird mehr und mehr mit Hilfe einer Heiratsannonce gesucht – vor allem deshalb, weil sich vor Ort keine passende Partie fand. Auch das „Hinaufheiraten“, also die Heirat in bessere Stände, war am leichtesten mit der Heiratsanzeige zu bewältigen. Ebenfalls wurden sogenannte „Einheiraten“ über Heiratsannoncen feilgeboten – zumeist dann, wenn der Unternehmer keine Söhne hatte – die Tochter wurde dann als Köder benutzt, um einen Schwiegersohn zu finden, der die Fähigkeit hatte, das Unternehmen weiter zu führen. In jenen Jahren kamen auch erstmals „verdeckte“ Heiratsannoncen auf, mit deren Hilfe nicht Ehefrauen gesucht wurden, sondern Mätressen.

Die Heiratsannonce zwischen 1950 und 2000

Sowohl Eheinstitute wie auch die Heiratsannonce feierten nach dem Zweiten Weltkrieg wahre Triumphe: Abermals dezimierte sich die Anzahl heiratsfähiger Männer, während die Sehnsüchte der Frauen nach lustvollen Begegnungen stiegen. Die „alten Vermögen“ waren nun endgültig zusammengeschmolzen und eine neue Klasse von Wohlstandsgewinnlern entstand – und alle wollten vor allem eines: Lustvoll genießen.

Das allerdings verhinderte vorläufig noch die offizielle Moral, doch klang auch in Heiratsannoncen nun immer mehr durch, dass man sich nicht nur für die Ehe, sondern auch durchaus für die Lust an der Liebe interessierte.

Etwa zu Anfang der 1970er Jahre verlor die Heiratsannonce mehr und mehr an Glanz, weil sich die Lebensformen weitgehend verändert hatten: Verliebt – verlobt – verheiratet galt nicht mehr. Anstelle der „baldigen Ehe“ trat die „Beziehung“, die meist darin bestand, gemeinsam eine Wohnung zu nehmen.

Ab den 1970er Jahren bestanden die „Heiratsannoncen“ fast nur noch aus lächerlichen Agenturanzeigen von Heiratsvermittlern, die als „Eigenanzeigen“ getarnt waren. Die Herren waren stets Akademiker von feinstem Charakter, die Damen lebensfrohe junge Mädchen, die schon bald „mit ihrem kleinen Auto vor deiner Tür“ stehen würden. Da es beide nicht wirklich "im Bestand" gab, bemühte man Schriftsteller, um die Profile zu erdichten und Modellagenturen, um Bilder zur Verfügung zu stellen.

Ein Textbeispiel für eine Heiratsannonce:

"Andrea 21 schminkt sich nicht und malt sich nicht die Lippen an – sie ist mehr für das Häusliche. Musik und Fernsehen liebt sie, fährt aber auch gerne mit ihrem kleinen Auto ins Grüne. Am liebsten aber würde ich mit meinem kleinen Auto zu dir fahren – zu einem lieben, schlichten Mann. Wenn ich nur wüsste, wo du wohnst! Beschreibe mir doch genau den Weg – wie ich fahren muss – damit ich dich auch finde. Vielleicht auch eine kleine Zeichnung, damit ich den Weg zu dir finde? Vielleicht bin ich dann ja schon am Sonntag bei Dir."

Nach und flogen diese betrügerischen Heiratsagenturen auf – und übrig geblieben sind vielleicht noch ein Dutzend namhafte Heiratsvermittlungen in der gesamten Bundesrepublik, die man hin und wieder unter “Heiraten“ findet. Der gesamte Anzeigenmarkt der Heiratsannoncen ist seit 1970 so gut wie überall in die „Bekanntschaftsanzeigen“ übergegangen.

Seit etwa 1998 verschwindet auch die Heiratsannonce mehr und mehr und mehr aus den Anzeigenteilen der Zeitungen, weil das neue Medium „Internet“ und damit die Online-Partnersuche mit ihren Kontaktannoncen erweiterte Möglichkeiten bietet, die den Heiratsanzeigen in den Printmedien deutlich überlegen sind. Die meisten Singles, die früher in Heiratsannoncen nach dem Partner fürs Leben gesucht haben bedienen sich jetzt einer Online Partnervermittlung. Männer, die eine russische  Frau heiraten wollen, wenden sich an einen Partnervermittler für Ost-Europa.

Diese Seite gehört zu:
"Die Kontaktanzeige im Wandel der Zeit".

In diesem Abschnitt unseres Kontaktanzeigen-Dossiers geht es um die bewegte Geschichte und die verschiedenen Formen von Kontaktinseraten.

Wer hat dieses Dossier zum Thema "Heiratsannonce" gemacht?

Henning Wiechers beobachtet seit 2003 die Welt der Singlebörsen und gilt in den Medien als führender Fachmann zum Thema.

Share!