Online-Dating & Partnersuche in Saudi-Arabien


Religion & Moderne treffen aufeinander

Veröffentlicht: 26. März 2019

Von Eltern arrangierte Ehen sind in Saudi-Arabien noch immer die häufigste Art der Partnerwahl. Doch nach und nach finden immer mehr junge Saudis Möglichkeiten, um die strengen, religiösen Richtlinien zu umgehen. Wie so oft spielt Online-Dating eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Lange Zeit verschloss sich das Königreich westlichen gesellschaftlichen Einflüssen. Mittlerweise sind in Saudi-Arabien dank Kronprinz Mohammed bin Salman Musik, Theater und Kinos wieder erlaubt. Erst seit 2018 dürfen Frauen wieder Auto fahren. Dies gilt als historischer Moment und gibt vor allem jungen Menschen die Hoffnung auf weitere Reformen.

Grundsätzlich ist es noch immer gesetzlich verboten, dass Männer und Frauen, die nicht verwandt sind, miteinander in der Öffentlichkeit interagieren. Und dies schließt auch das uns bekannte klassische Dating bzw. die Partnersuche ein. 


Partnersuche im Königreich

Es ist nicht verwunderlich, dass Ehen auch weiterhin von Familien arrangiert werden. Zu hoch ist der gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Druck auf die Familien. Meist ist die Zustimmung zur Ehe für die beiden Partner nur obligatorisch. Und der Mann sieht seine Partnerin erst nach der Vermählung zum ersten Mal unverschleiert. 

Damit die strengen Regeln gewahrt werden, gibt es die Religionspolizei (mutawwa), auch bekannt als "Behörde für die Verbreitung von Tugendhaftigkeit und Verhinderung von Lastern". Diese patrouilliert durch die Straßen und achtet darauf, dass u.a. die Gebetszeiten eingehalten werden, ob Frauen vorschriftsmäßig gekleidet sind oder ob Alkohol bzw. Schweinefleisch verkauft wird. Des Weiteren gehört zu ihren Aufgaben, Männer, die mit nicht verwandten / nicht verheirateten Frauen kommunizieren, abzumahnen.

Auch der Valentinstag ist den religiösen Saudis ein Dorn im Auge und gilt als heidnisches Spektakel. So ist an diesem Tag der Verkauf von verschiedenen roten Waren (Teddys, Rosen, Glückwunschkarten) verboten.

Das alles macht die Kontaktaufnahme im öffentlichen Raum sehr schwer. Doch wie heißt es so schön:


Wo ein Wille ist, gibt es auch einen Weg.

So haben muslimische Singles so manche für uns grotesk anmutende Variante der Kontaktaufnahme entwickelt.

Drei Offline-Varianten der Kontaktaufnahme in Saudi-Arabien

1. Dating beim Shopping

Meist gehen saudische Mädchen mit Freundinnen oder einer Hausangestellten in Shoppingcentern einkaufen. Niemals allein. Nun stellen sich interessierte junge Männer in die Nähe des Mädchens und flüstern fortwährend ihre Telefonnummer. Ist das Mädchen interessiert an einer Kontaktaufnahme, merkt sie sich die Nummer. Wichtig ist jedoch, dass die Sicherheitskontrolle nicht von diesem Vorgang mitbekommt.

Ein weiterer Anbahnungsversuch beim Shopping ist eine Art Rollenspiel: Hierbei schnappt sich der interessierte Mann den Einkaufswagen der Frau und geht neben ihr wie ein klassisches Paar einkaufen. Mit diesem Trick können sie sich offen unterhalten und so tun als wären sie gemeinsam unterwegs.

2. Dating auf der Straße

Am Abend verwandelt sich die Tahlia Street (wichtige Mode- und Einkaufsstraße in der Stadtmitte von Jeddah) zur Dating-Straße. Draußen vor den Cafes sitzen etliche Männer, die ihre teuren Autos dekorativ auf der Straße abgestellt haben, um so die Aufmerksamkeit der Single-Frauen auf sich zu ziehen. In Saudi-Arabien dürfen Frauen und Männer nicht zusammen draußen sitzen.

Deshalb fahren die Frauen mit ihren Chauffeuren die Straße auf und ab und halten Ausschau nach Männern mit chicen, teuren Autos. Auf vielen der Autos finden sich Aufkleber mit der Telefonnummer der Männer. So können die Frauen Kontakt aufnehmen, ohne das eigene Auto zu verlassen. Ab und an halten die interessierten Männer direkt neben dem Auto der Frau und bitten durch Klopfen ans Autofenster um die Herausgabe der Telefonnummer.

Manchmal nimmt dies absurde Ausmaße an wie eine Muslima berichtet:


Wenn du das Fenster nicht öffnest, würden sie zum Fahrer gehen und mit ihm kämpfen, bis sie dich so zwingen, die Nummer zu nehmen.

3. Der Serviettentrick

Bei diesem Trick schlendert eine Gruppe von Männern durch das Einkaufszentrum und sucht für sie attraktive Frauen. Dabei achten sie genau darauf, dass Statussymbole wie Uhren oder Handys gut sichtbar sind. Entdeckt nun eine Frau einen interessanten Mann, geht sie wortlos an ihm vorbei und lässt diskret eine Serviette mit ihrer Nummer und Namen fallen. Mittels der nun erhaltenen Nummer können beide sich in sicherer Entfernung von einander unterhalten und flirten.

Manch verzweifelter Mann ruft sogar willkürlich Telefonnummern an. In der Hoffnung so eine Partnerin zu finden. Sobald sie eine Frau am anderen Ende der Leitung erwischen, sind sie "angefixt". Sie rufen dann ständig an und lassen sich kaum abwehren. Meist hilft dann nur, dass ein männliches Familienmitglied den Hörer in die Hand nimmt und ein Machtwort spricht.

Der "BigMac-Index" fürs Online-Dating international:

Unser sogenannte AFF-Index (in Anlehnung an den BigMac-Index) gibt Ihnen eine grobe Vorstellung davon, auf welchem Singlebörsen-Entwicklungsstand sich die Länder dieser Welt befinden.

Der Ausweg – das Internet & Online Dating

In Saudi-Arabien nutzen viele Menschen Twitter, YouTube und Facebook. Im Verhältnis zur Bevölkerung hat das Königreich eine der weltweit höchsten Quoten bei der Nutzung Sozialer Netzwerke. Das Internet hat alleinstehenden Frauen und Männern in solch traditionellen Gesellschaften neue Türen geöffnet. Endlich können sie diskret neue Menschen kennenlernen – ohne die wachsamen Augen der Familien und Religionswächter. 

Doch sind Dating-Apps wie Tinder oder Badoo auch so gefragt bei muslimischen Singles? Ein klares Nein. Besonders aktiv sind junge Menschen auf WhosHere, einer Meet-up-App für Kuwait und Saudi-Arabien. Dabei wissen viele Nutzer, dass sich das Konzept der meisten Apps mit den religiösen Vorgaben des Landes nicht vereinbar lässt. 

Das ist ein großes Problem und ein ständiger Kampf für Singles in Saudi-Arabien, online nach Liebe zu suchen. Denn vor allem die ältere Generation sieht in der Technik eine Gefahr für Religion und Kultur. Junge Saudis hingegen möchten ihren Suchradius bei Partnersuche vergrößern und sich von der alten Ehevermittlung durch die Eltern lösen.

Online-Dating für muslimische Singles

Die stückweise Öffnung des strengen Reglements im saudischen Raum macht sich mittlerweile auch in den App-Stores bemerkbar. Die drei bekanntesten Dating-Apps, bzw. Anbieter für eine muslimische Partnersuche stellen wir kurz vor.

et3arraf.com: Mit wissenschaftlichem Test

Diese Plattform bietet seit 2013 mehr als nur eine reine Dating-Webseite. Die beiden Gründer Nimer & Maalouf verstehen ihr Angebot als eine Online-Partnervermittlung für die arabische Welt, in der die Gelegenheiten zum gegenseitigen Kennenlernen rar gesät sind. Nach der Registrierung absolvieren die Nutzer einen psychologischen Persönlichkeitstest. Dieser dauert rund 40 Minuten und beinhaltet detaillierte sowie sehr persönliche Fragen. Auf Basis dieses Tests werden die Profile analysiert und "gematcht". Berücksichtigt werden dabei auch lokale Gepflogenheiten, wie bspw. wie konservativ die Lebenseinstellung ist. Hat uns ein bisschen an Parship erinnert.

et3arraf.com verzichtet auf ein spektakuläres Design und richtet sich an muslimische Singles, die z.B. nicht die Dienste eines Kupplers in Anspruch nehmen möchten. Nimer und Maalouf sehen ihre Zielgruppe in muslimischen Singles, die zwar die konservativen Regeln beherzigen, aber dennoch den Möglichkeiten des Online-Datings offen gegenüberstehen. Damit saudische Traditionen gewahrt bleiben, gibt es einen 24h-Support, der sich um Fragen und Beschwerden der Nutzer kümmert. Erkennt ein Nutzer ungebührliches Verhalten bspw. im Chat, werden umgehend entsprechende Maßnahmen ergriffen.

WhosHere: Nachrichten verschicken leicht gemacht

WhosHere zählt zu den am meisten runtergeladenen Apps in Saudi-Arabien. Die App ermöglicht seit 2008 kostenlos die Erweiterung des eigenen Netzwerks/Freundeskreises. Dabei können die Nutzer neben Bildertausch auch völlig kostenlos Nachrichten verschicken und telefonieren.

Der Clou dabei: Mit der App können Benutzer andere Benutzer mit ähnlichen Interessen finden und sich in Echtzeit über Freitext, Bildnachrichten und kostenlose VoIP-Anrufe mit ihnen verbinden, ohne persönliche Daten preiszugeben.

Weltweit konnte WhosHere 8 Millionen Benutzer von sich überzeugen. Allerdings erfreut sich die App nur im arabischen Raum hoher Beliebtheit.

Whoshere Verteilung Arabischer Raum
App-Verteilung arabischer Raum Quelle: www.bbc.co.uk

Qesmeh w Naseeb: Matchmaker im Chatroom

Bei Qesmeh w Naseeb handelt es sich um eine Chatroom-App mit Matchmaker-Feature. Hier können sich muslimische Nutzer aus aller Welt treffen und Freundschaften schließen. Der Dienst bietet eine Möglichkeit, auf Basis gemeinsamer Interessen und Wertevorstellungen die Partnersuche voranzutreiben. Fokus liegt dabei immer auf dem respektvollen Umgang mit der arabischen Kultur und Tradition. 

Qesmeh-w-Naseeb-Appshot
Qesmeh w Naseeb ist ein virtueller Chatroom für die Partnersuche

Gewährleistet wird dies u.a. durch einen 24h-Support und einen garantierten Identitätsschutz. Mehr als 6 Millionen Nutzer sind hier u.a. auf der Suche nach einem Partner. 


Online-Dating für Muslime weltweit

Auch außerhalb der arabischen Welt gibt es jede Menge muslimischer Singles. Ist es für sie eigentlich leichter, eine Partnerschaft im Internet zu finden? Diese Frage kann klar mit Ja beantwortet werden. So wie es Singlebörsen für christliche Singles gibt, etablieren sich auch nach und nach Partnerbörsen und Plattformen, die sich explizit auf muslimische Partnerschaften fokussiert haben. Eine kleine Auswahl zeigen wir Ihnen hier.

Islamic-Marriage.com – beliebt in Deutschland

Seit 2004 existiert das islamische Heiratsinstitut Islamic Marriage und wird als seriöse Partnervermittlung für Muslime angesehen. Der Macher Samer Fahed aus München konnte bisher 27.000 Heiratswillige weltweit von seiner Seite überzeugen.

Aus Deutschland sind aktuell 5.000 Muslime angemeldet, um hier einen Partner zu finden. Dabei achtet der Anbieter penibel darauf, dass keine Profildaten veröffentlicht werden. Muslimische Singles stöbern selbstständig in der Mitgliederdatenbank und können ihre Kriterien für einen neuen Partner über die Detailsuche definieren.

Singlemuslim.com – Englische Muslime finden

Singlemuslim.com besteht seit 2000 und vermeldete unlängst sein millionstes Mitglied. Der Anbieter sitzt in England und deshalb befinden sich auch meist englisch-sprachige Muslime hier auf Partnersuche.

Auf der Plattform können Benutzer ein Profil mit persönlichen, glaubensbasierten, pädagogischen und beruflichen Informationen erstellen und Bilder hochladen. Etliche Erfolgsgeschichten, die liebevoll im Videoformat aufbereitet sind, zeugen von der Effektivität der Seite. 

MuslimMarriageEvents.com – BlindDating für Muslime

Dieser Anbieter organisiert große Treffen, damit heiratswillige Muslime miteinander ins Gespräch kommen können. Bis zu 100 Teilnehmer können sich so kennenlernen, ohne dabei gegen die islamischen Regeln zu verstoßen. Die Events werden in bestimmten Kategorien angeboten, z.B. Events für geschiedene und verwitwete Muslime oder konvertierte Singles.

Familienmitglieder als moralische Unterstützung sind ebenfalls erwünscht. Im Vordergrund steht natürlich das Ziel, eine muslimische Ehe einzugehen. Dabei legt der Anbieter Wert darauf, den Teilnehmern zu vermitteln, dass eine Partnersuche nach moralischen sowie religiösen Werten mehr wert ist als die Suche nach Schönheit, Wohlstand und sozialem Status. 

Klassische Heiratsanzeigen für Muslime

Das Aufgeben einer Zeitungsanzeige ist ebenfalls eine Option, einen muslimischen Partner in Deutschland zu finden. Da gibt es z.B. die Anzeigen-Seite der Islamische-Zeitung.de, auf der sich rund 100 aktuelle Heiratsannoncen finden. Klassisch wie wir es u.a. aus Die ZEIT kennen: 

Quelle: islamische-zeitung.de

Fazit zur Partnersuche und Online-Dating in Saudi-Arabien

Je mehr sich das Land für den westlichen Lebenstil öffnet, desto einfacher wird die Partnersuche für Muslime. Momentan findet ein wahrer Generationswechsel statt: Die ältere Generation hat keinerlei Vertrauen in moderne Technik oder einen modernen Lebenswandel, die Jüngeren sind da deutlich offener. Auch weil viele mittlerweile im Ausland studieren oder Arbeitserfahrungen sammeln und dadurch tiefere Einblicke in den westlichen Lebenstil haben.


Wer hat diese Reportage geschrieben?

Henning Wiechers beobachtet seit 2003 die Welt der Singlebörsen und gilt in den Medien als führender Fachmann zum Thema.

Share!
Mehr Reportagen von diesem Kontinent:

Ratgeber für die Partnersuche im Ausland:

Verlieben im Ausland

Der perfekte Wegweiser für alle, die sich in anderen Ländern nach einem Partner bzw. einer Partnerin umschauen wollen.

Krasse Fakten über internationale Singlebörsen:

Das Video zeigt Ihnen die weltweit lustigsten und traurigsten Geschichten, die die Online-Partnersuche hervorgebracht hat.