Russland:


Im Osten nichts Neues?

Veröffentlicht: 23. Juli 2007

Wer 2007 an Russland und Online-Dating denkt, kommt kaum am Klischee der heiratswilligen Damen vorbei, die sich danach verzehren, durch Heirat einen leichten Weg in den Westen zu finden.

Doch ist dem wirklich so? Oder ziehen die russischen Frauen nicht vielmehr auch bei der WWW-Partnersuche einen Mann aus dem eigenen Kulturkreis vor? Wir haben uns für Sie die russische Online-Dating-Szene angeschaut.

Aktuellerer Beitrag:
Zur Fußball-WM haben wir uns das Dating in Russland im Jahre 2018 angeschaut.

Um den Online-Dating-Entwicklungsstand von Russland besser einordnen zu können, wollen wir in gewohnter Weise zunächst die technologischen, soziökonomischen und kulturellen Hintergründe abklopfen.

Danach werfen wir einen Blick auf den Online-Dating-Markt in Russland - sprich die Anbieter und Nachfrager - sowie die Zukunftsperspektiven, die dieses Land in Bezug auf Online-Dating bietet. Und dann vergleichen wir eben dieses "normale" Online-Dating-Business mit dem "Russinnen für West-Männer"-Geschäft.

Der "BigMac-Index" fürs Online-Dating international:

Unser sogenannte AFF-Index (in Anlehnung an den BigMac-Index) gibt Ihnen eine grobe Vorstellung davon, auf welchem Singlebörsen-Entwicklungsstand sich die Länder dieser Welt befinden.

1. Einflussfaktoren auf das Online-Dating in Russland

Von dem Online-Dating-Ideal eines großen reichen Landes mit vielen kaufkräftigen und Internet-begeisterten Singles ohne moralisch-religiöse Hemmungen ist Russland ziemlich weit entfernt:

Bevölkerung

Mit einer russischsprachigen Singlebörse richtet man sich an eine große Basis-Zielgruppe von rund 145 Mio. Muttersprachlern, primär aus Russland (ca. 120 Mio.) und den ehemaligen sowjetischen Republiken. Aufgrund der sehr niedrigen Geburtenrate (mit 1,25 noch niedriger als in Deutschland) schrumpft Russland jährlich allerdings um rund 600.000 Einwohner.

Ein Blick auf den Durchschnittslohn (400 US$) weist Russland als äußerst armes Land aus - das gilt vor allem für den "Rest" außerhalb der 11-Millionen-Metropole Moskau. Dort ist mit mehr als 80.000 Millionären und einer immer breiter werdenden Mittelschicht der Großteil der Profiteure des postkommunistischen Kapitalismus versammelt.

Wirtschaft und Politik 

Russland lebt von seinen Rohstoffen. Produktion, Dienstleistung oder gar Informationsverarbeitung haben - anders als in China oder Indien - eine untergeordnete Bedeutung. Offiziell nennt sich Russland zwar "demokratisch", West-Unternehmen bemängeln jedoch häufig undurchsichtige Seilschaften aus kommunistischen Tagen, bürokratische Hürden und mangelnde Rechtssicherheit als Hemmschuh für ausgeprägte Engagements.

Online-Shopping wird - außerhalb von "Lastschrift-Deutschland" - normalerweise per Kreditkarte abgewickelt. American Express, VISA, Mastercard & Co. haben bisher rund 4 Mio. in Russland verteilt - in Deutschland über 18 Mio...

Religion, Kultur, Single-Dasein 

Die Single-Quote liegt ungefähr auf "Westniveau". Aus kultureller oder religiöser Sicht, spricht anders als z.B. in Japan, nichts gegen einen Online-Dating-Erfolg. 

Technik 

Größtes Problem bei der Entwicklung des Online Dating Marktes in Russland ist die mangelnde Verbreitung von PCs und Internetanschlüssen in den Haushalten. Eine Untersuchung des Instituts für strategische Forschungen und Wissenswirtschaft an der Hochschule für Ökonomie in Moskau ergab, dass 2006 nur 13% der Bevölkerung als mehr oder weniger aktive Internetnutzer bezeichnet werden können (D.h. sie nutzen mindestens einmal im Monat das Internet). 

Einen eigenen Computer im Haushalt hatten 2006 lediglich 21%. Damit bleibt Russland weit hinter den EU-Staaten zurück, wo durchschnittlich 62% der Haushalte einen Computer zur Verfügung haben. Die Alternative "Internetcafe" ist fast ausschließich in Großstädten verfügbar. Für eine Stunde zahlt man ca. 60 Rubel (ca 2,- Euro) - gemessen am Monatsgehalt unerschwinglich teuer. 

Selbst an den Unis ist die Lage katastrophal, so Soziologiin Dr Teubener von der Stiftung Digitale Chancen: "In den Provinzstädten muss der Zugang hart erkämpft werden. Die Studierenden in Moskau konnten ohne größere Probleme unseren Sitzungen folgen. Die Studierenden in Kursk und Rjasan dagegen hatten nur selten die Möglichkeit, ins Internet zu gehen und dann häufig nicht die nötigen Kapazitäten." 

Alles in allem beläuft sich die Zahl der "russischen Singles mit regelmäßigem Internet-Zugang", sprich die Zielgruppe für das Online-Dating in Russland - momentan auf kaum 10 Millionen. Und ein Großteil davon ist nicht besonders kaufkräftig bzw. hat keine Kreditkarte. Nicht gerade einladende Voraussetzungen für eine florierende Online-Dating-Landschaft. Und daran wird sich in den nächsten Jahren kaum etwas ändern.


2. Bedeutende Singlebörsen und der russische Online-Dating-Markt

Das ungewöhnliche am Russischen Online-Dating-Markt ist, dasss sich die internationalen Player bisher völlig herausgehalten haben - kein Wunder bei den Voraussetzungen! Hinzu gesellt sich die Angst vor den "Ost-West-Bräute-Spammern" (siehe Box "Wo bleiben die globalen Player?"). 

Exkurs: Wo bleiben die globalen Player?

Die weltweit bedeutenden Online-Dating-Konzerne haben bisher allesamt einen großen Bogen um Russland gemacht:

  • Match.com ist in über 20 Sprachen übersetzt - eine russische Version jedoch Fehlanzeige. Dito gilt für das Spark Networks.
  • Die FriendFinder-Gruppe ist mit über 20 themen- und länderspezifischen Dating-Portalen breit aufgestellt, ein RussianFriendFinder fehlt aber.
  •  Europa-Marktführer Meetic kauft in vielen Ländern dazu, nicht aber in Osteuropa. 
  • Auch die deutschen Unternehmen mit großem Internationalisierungsdrang, wie etwa NEU.de (immerhin schon auf polnisch), FriendScout24 oder Parship, sind am russischen Online-Dating nicht interessiert. 

Als Begründung wird neben dem noch geringen Potenzial des Landes die Angst genannt, den osteuropäischen Spammern, die mit täglich Tausenden von gefaketen Frauen-Profilen in der Online-Dating-Welt für ihre zweifelhaften Dienste werben, Tür und Tor zu öffnen. Zum Beispiel Parship kann sich ein Engagement in Russland nur vorstellen, wenn die lokalen Mitglieder in einer separaten Datenbank gehalten werden.

Einzige Ausnahme unter den bekannten Unternehmen: Die deutsche Partnervermittlung be2 betreibt seit Juni 2007 be2.ru - wir sind gespannt!

Die einheimischen Player können sich so in aller Ruhe entwickeln. Neben einigen kleineren Dating- und Chat-Seiten sind dabei die beiden eindeutig dominierenden Marktführer "Mamba" und "Damochka" besonders herauszuheben:

Mamba.ru 

Wenn Sie Russisch sprechen und per Online-Dating einen Partner suchen, sollten Sie unbedingt bei der Nummer 1 "Mamba.ru" vorbeischauen. Dabei handelt es sich um ein klassisches Kontaktanzeigen-Portal, das im April 2002 gegründet wurde und seitdem 8,9 Mio. Singles eingesammelt hat. "Aktiv" sind davon rund 3,5 Mio., von denen wiederum 40.000 an einem ganz normalen Vormittag online sind. Mamba.ru ist kostenlos und auch weitgehend werbefrei.

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mamba.ru

Damochka.ru 

Das im Oktober 2001 gelaunchte Portal "Damochka.ru" verfügt über ca. 1 Mio. aktive Mitglieder und über 2 Mio. registrierte. Damochka.ru bietet zwar vordergründig die gezielte Partnersuche, ist aber gleichzeitig auch zu soetwas wie dem "russischen MySpace" geworden ist: Der Nutzer kann bloggen, Videos hochladen, sich vernetzen und eben zwischen den Optionen "Freundschaft", "Liebe" oder "Sex" wählen. Auch dieses Portal ist kostenlos. 

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damochka.ru

Der rein russische Online-Dating-Markt ist also schnell quantifiziert: 4 bis 5 Millionen aktive Nutzer und ein Branchenumsatz, der unterhalb von 1 Mio. Euro liegt (Zum Vergleich Deutschland: 2007 erstmalig über 100 Million Euro...). Dabei haben wir das Geschäft "West-Mann sucht Russin" wie gesagt noch nicht nicht berücksichtigt.


3. Nachfrager-Situation

Die von uns geschätze Zahl der russischen Online-Dating-Nutzer deckt sich ganz gut mit dem, was aktuell vom Marktforschungsinstitut "comScore" ermittlet wurde: "Von den 26 Mio. russischen Internet-Surfern nutzen 32 Prozent schon heute Online-Dating-Plattformen." 

Schaut man sich die Struktur der Nutzer an, fallen drei große Besonderheiten ins Auge:

Russische Online-Dater sind sehr jung 

In der folgenden Abbildung vergleichen wir die Altersverteilung der "Mamba.ru"-Mitglieder mit dem deutschen Markt:

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Durchschnittsalter deutscher und russischer Online-Dater

Das Durchschnittsalter der deutschen Online-Dater liegt bei über 36 Jahren, das der russischen bei 25,3.

Moskau dominiert 

Obwohl in Moskau nur 7,7% aller Russen leben, stellen die Moskauer mit 54,3% über die Hälfte der russischen Mitglieder bei "Mamba.ru" und "Damochka.ru". Toll für Moskauer Singles, schlecht für die anderen...

Wichtiges Tool für Exil-Russen 

31% der "Mamba-ru"-User leben nicht in Russland, und davon wiederum über 75% nicht in russischsprachigen Ländern, sondern über den gesamten Globus verteilt. So handelt es sich bei rund 80.000 "Mamba.ru"-Mitgliedern um Russen, die in Deutschland wohnen. Damit bekommt das Portal eine wichtige soziale Funktion für die über 25 Millionen Russen, die laut dem russischen Außenministerium ihren Wohnsitz ins Ausland verlegt haben.


4. Russinnen mit Westdrang

Mit Online-Dating lässt sich in Russland zur Zeit noch kein Geld verdienen - wohl aber mit dem Traum "Russin heiratet Mann aus dem Westen". Und das in hohem Maße schon seit der Öffnung der Grenzen.

Anfang der 90er Jahre waren es zunächst Agenturen, die vor Ort (vermeintlich) heiratswillige Damen katalogisierten und schwerpunktmäßig in den USA und Deutschland, aber auch in Frankreich, Spanien und Italien anboten. Mit dem Einzug des Internets hat sich die "Wertschöpfungskette" weiter verprofessionalisiert:

  • Scouts suchen vor Ort interessante Frauen.
  • Fotografen und Texter digitalisieren sie im nächsten Schritt und geben die Profile an große Datenbank-Betreiber weiter.
  • Diese "Großhändler" bieten Partneragenturen den notwendigen Input, um z.B. in Deutschland auf Männerfang zu gehen.
  • Die Partnervermittler haben wiederum Abkommen mit Hotels, Reiseveranstaltern, Dolmetschern und Blinddate-Betreuern vor Ort...

Insgesamt ergibt sich ein Milliarden-Markt zwischen ehrlicher Partnervermittlung, Prostitutionsreisen, windigen Partnervermittlern und abzockenden Frauen. Insider schätzen, dass etwa 500.000 bis 1 Million Damen aus dem gesamten osteuropäischen Raum beteiligt sind.

Dieser Markt wird in zunehmendem Maße über das Internet abgewickelt. Unter den einschlägigen Webseiten lässt sich aber kaum eine mit mehr als 10.000 gelisteten russischen Frauen ausmachen.

Der Eindruck "Alle Russinnen wollen nach Westen" täuscht also. Die meisten russischen Frauenprofile sind bei rein russischen Portalen zu finden.

Mehr Informationen finden Sie in den folgenden Artikeln: 


Wer hat diese Reportage geschrieben?

Henning Wiechers beobachtet seit 2003 die Welt der Singlebörsen und gilt in den Medien als führender Fachmann zum Thema.

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