"Erfolgreich poly-sein, so dass wirklich Harmonie existieren kann, erfordert viel Arbeit!"

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interview mit C. (@le3eck) von der polyamorösen Frau

C. (@le3eck)

Polyamoröse Frau

Veröffentlicht: 2. März 2018

C. ist eine quirlige Frau mit kurzen blonden Haaren und als @le3eck bei Twitter unterwegs. Wir haben C. gefragt, wie sie ihre Polyamorie entdeckt hat, damit lebt und klar kommt in einer Welt der "Monos" - und was für sie Eifersucht und Treue in einer polyamorösen Beziehung bedeuten.



Ich würde ja auch keine monogamen Menschen daten und ihnen dann aufzwingen, neben mir noch andere Leute zu treffen, sich also meinem Poly anzupassen.

Polyamorie ist ein Kunstwort, das sich aus dem griechischen "viel, mehrere" und dem lateinischen Wort "Liebe" zusammensetzt.

Bei Polyamorie geht es also darum, dass man zur gleichen Zeit mehr als einen Menschen liebt (im Gegensatz zu "Monos", also Menschen, die nur einen Partner haben). Ist dieser Definitionsversuch richtig?

An sich ist diese Definition richtig. Für mich persönlich ist Polyamorie aber auch die Fähigkeit mehrere Menschen gleichzeitig lieben zu können. Und für mich geht es darüber hinaus darum, dass ich mir gleichzeitig auch mehrere Beziehungen mit diesen Menschen wünsche.


Welche Rolle spielt das Geschlecht bei Polyamorie? Gibt es unter polyamourösen Menschen überhaupt Begriffe wie schwul oder lesbisch?

Ich bin immer bisexuell. Wenn ich z.B. mit einer Frau zusammen bin, habe ich eine bisexuelle Beziehung mit einer Frau, wenn ich mit einem Mann zusammen bin habe ich eine bisexuelle Beziehung mit einem Mann.

Ist er oder sie dann auch bisexuell?

Wenn die Person zum Beispiel hetero ist und mit mir in einer Beziehung, dann hätte die Person eine hetero-Beziehung mit mir und ich wäre mit ihr in einer bisexuellen Beziehung. Mein bisexueller Status ändert sich nicht mit dem Geschlecht meiner Partner_innen.

Allerdings gibt es auch schwule Polys, so wie es auch schwule Monos gibt. Und es gibt auch lesbische Polys, so wie es lesbische Monos gibt. Das ist unabhängig voneinander.

Die Sexualität ansich ist im Prinzip auf was bzw. auf wen man steht – und bei Poly oder Mono geht es darum, mit wie vielen Menschen gleichzeitig man eine Beziehung hat.

Passende Testsieger im Juni 2018:

Polyamorie bezieht sich dann aber doch auf Sexualität. Oder gibt es da noch eine Art Meta-Begriff?

Es gibt polyamore Menschen, die lieben mehrere Menschen gleichzeitig, also im Sinne von "romantisch lieben". Es gibt auch polygame Menschen, die sind dann mit mehreren Menschen verheiratet.

Aber es gibt z.B. auch a-romantische Polys, das sind Menschen, die haben nur Sex, aber keine romantische Beziehung und die können genauso poly sein, weil sie halt mit mehreren Leuten gerne Sex haben.


Poly gibt es einfach in allen möglichen Konstellationen und allen möglichen Zusammensetzungen. Poly ist, was die Partner_innen daraus machen.

Außerdem gibt es noch polyromantische Asexuelle, die lieben dann mehrere Menschen, sind mit denen in einer Beziehung, aber schlafen mit niemandem oder schlafen nur unter bestimmten Umständen mit Menschen.


Was ist der Unterschied zwischen einer polyamorösen Beziehung und einer offenen Beziehung?

Eine offene Beziehung, dieses Prinzip habe ich auch schon selbst gelebt - mit "don't ask, don't tell". In der offenen Beziehung mit meinem Ex-Ereund war es so, dass er ganz klar mein Primär-Partner war. Da gab es eine klare Hierarchie. Er war die Number one, um ihn kümmerte ich mich und er war der wichtigste Mensch.

Alles andere, was ich nebenher hatte, waren eher unverbindlichere Dates. Ich durfte Dates haben, Sex war eingeschränkt auf bestimmte Dinge, mit denen mein Partner dann ok war.

Die primäre Beziehung mit den nebenher-Dates war jedoch nicht gleichberechtigt. So nach dem Motto: "Ich liebe nur dich, Spaß können wir aber auch mit anderen haben". Es durften da keine Gefühle auftauchen. Das fühlte sich für mich sehr eingeschränkt an.

Mein Ex-Freund, auch ein Mono, der war vor unserer Beziehung öfter fremdgegangen. Ich habe das während meiner Poly-Karriere nie geschafft. Auch als Poly kann man natürlich fremdgehen. Ich habe das allerdings noch nicht gemacht, brauche ich aber ja auch nicht, dafür ist das Poly ja da. Damit ich offen und ehrlich mehrere Menschen lieben kann, sie voneinander wissen und alle okay damit sind.

Für mich ist eine offene Beziehung nichts. Am Polyamouren ist für mich nämlich wichtig, dass ich als Poly gleichberechtigte Partner_innen habe. Und das geht mit einer Primär-Beziehung nicht zusammen.


Polygamie, also Vielehe, ist in Deutschland ja verboten. Gibt es verheiratete Menschen, die polyamorös sind und das dann auch ausleben, im Sinne von: Mit einem Menschen verheiratet sein und dann noch zwei andere Partner haben?

Ich hatte mal was mit einem Mann aus Leipzig, da war das tatsächlich so. Er hatte eine Ehefrau, sie hatte einen Boyfriend und Sex nebenher und wohnte aber mit ihrem Mann zusammen. Und ich hatte dann eben auch was mit ihrem Mann.

Besonders glücklich sah das von außen nicht aus, das lag aber weniger am Poly, als an persönlichen Differenzen. 

Es ist so: wenn die Leute sagen: "Lass uns xy machen! Was hältst du davon?" - dann ist eigentlich alles machbar. Im Prinzip könnte ich jetzt zu meinem Partner sagen: "Du, lass uns mal ein paar Leute zusammensuchen, ich möchte gern Sex mit The Village People".

polyamorie interview
Das Zeichen für polyamore Liebe: Ein Herz mit dem Unendlichkeitszeichen.

Und er sagt entweder "Ja coole Idee, lass uns vielleicht auch noch ein Video machen!", und dann machen wir das. Und wenn er aber "Nö" sagt, oder was anderes vorschlägt, dann machen wir das andere. Da wird ausgehandelt, reflektiert, auf Bedürfnisse geachtet.

Ich kann zu meinem Partner gehen und einfach alles sagen, was ich will. Es ist ja erst einmal nur ein Bedürfnis. Man möchte irgendwas und dann muss man gucken, wie man da hinkommen kann. Und wenn man eine gute Beziehung hat, in der kommuniziert wird, dann kann man alles besprechen.


Das hört sich so an, als wenn das bei dir sehr offen ist – und sehr bedürfnisorientiert!

Man muss einfach bedürfnisorientiert sein. Wenn man nur zu zweit ist, dann hat man ja nur Dinge unter sich zu klären. Wenn da aber noch mehrere Personen mit dranhängen, muss ich mich mit all den Personen auch auseinandersetzen.


Was heißt für Dich erfolgreich poly zu sein?

Erfolgreich poly-sein, so dass wirklich Harmonie existieren kann, erfordert viel Arbeit!

Aber es muss gar nicht so kompliziert sein, man kann ja klein starten. Du musst ja nicht von jetzt auf gleich 100 Leute im Monat daten. Zwingt einen ja keiner dazu.

Wenn man wirklich eine ernsthafte Tiefe in intimen Beziehungen aufbauen will, dann schafft man das nur mit Vertrauen, mit Stabilität, mit Liebe und Festigkeit. Das erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion und auch Lust, manche Dinge auszudiskutieren und zu kommunizieren – einfach immer mal wieder nachzufragen.

Mir hat es sehr geholfen poly zu werden, weil ich durch die vielen Leute auf den Stammtischen festgestellt habe, dass, egal was du hast oder welches Bedürfnis du hast, du drüber reden kannst.

Unter Monos und Heten habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Dinge einfach so angenommen werden. Das finde ich ganz traurig. Deswegen reden ja viele Leute auch aneinander vorbei. Weil viele annehmen „So und so läuft das jetzt“, ohne mal drüber geredet zu haben, ob das überhaupt das ist, was man möchte.

Es ist notwendig, aber auch schön, so offen sein zu können. Und ich muss dazu sagen, dass ich vor gar nichts mehr Angst habe. Seitdem ich mein Coming-Out bei meinem Vater hatte und der super supportive war, fühle ich mich unbesiegbar. Mir kann niemand und nichts etwas. Ich bin einfach sehr stark geworden, weil ich jetzt offen poly bin.


Gibt es Paare, bei denen der eine Partner polyamourös ist und der andere nicht?

Ja, ich kenne Paare bei denen das so ist. Habe ich ja selbst auch versucht und dann gemerkt, dass ich bin vollständig poly bin. Und, dass ich mit Partner_innen, die auch poly sind, glücklicher bin.

Die meisten Beispiele die ich beobachten konnte haben es allerdings mit „don't ask don't tell“ gemacht und das funktioniert erfahrungsgemäß nicht.


Was heißt "don't ask, don't tell" in diesem Zusammenhang und was sind die Konsequenzen einer solchen Absprache?

"Don't ask, don't tell" heißt, dass du ein Date hast und danach nicht drüber redest. Dass also alles, was während dieses Dates passiert, nicht besprochen wird mit der Primärbeziehung. Du redest nicht drüber und deine Primärbeziehung fragt auch nicht.

Ganz häufig geht das aber mit großen Verletzungen und Heimlichkeiten einher. Bei mir war es so, dass ich mich unsterblich verliebt hatte in eine neue Person. Mit der Person hatte es leider nicht geklappt und mein Herz war ziemlich kaputt und gebrochen.

Ich durfte das meinem damaligen Partner aber nicht sagen und musste den Schmerz alleine, ohne Trost, aushalten. Und so tun als wäre alles okay. Das war der Horror! Ab dem Moment habe ich mir gesagt:


Ich will mich nie wieder in meinem Leben so fühlen!

Das würde ich nicht noch einmal so machen.

Von 100 oder 200 Leuten, die ich am Poly-Stammtisch kennengelernt habe, habe ich vielleicht mal einen oder zwei Paare erlebt, die "don't ask, don't tell" erfolgreich etabliert haben. Das bedeutet aber nicht, dass es unmöglich ist, zusammen zu sein, wenn ein Teil der Beziehung mono und der andere Teil poly ist.

Begriffe, die in diesem Interview auftauchen - aber nicht jedem geläufig sind

  • Monos: Menschen, die eine Liebesbeziehung zu einem Partner haben.
  • Heteros: Menschen, die eine Liebesbeziehung mit dem anderen Geschlecht haben (Frau-Mann).
  • Polys: Menschen, die Liebesbeziehung mit mehreren Menschen gleichzeitig haben.
  • Partner_innen: Diese Schreibweise zeigt hier an, das nicht nur Menschen mit einem einzigen Geschlecht gedatet werden, sondern mehrere Geschlechter, z.B. Männer UND Frauen gleichermaßen.
  • Crush-Person: Abgeleitet vom englischen Begriff "I got a crush on you", sprich, in jemanden verliebt sein.
  • A-romantische Polys: Menschen, die nur Sex mit mehreren Leuten haben, aber keine romantische Liebesbeziehung zu diesen unterhalten.
  • Polyromantisch asexuell: Man liebt mehrere Menschen und ist mit diesen in einer Beziehung, hat jedoch keinen Sex mit diesen bzw. Sex nur unter bestimmten Umständen.
  • Polygamie: Vielehe. In der Regel: Ein Mann ist mit mehreren Frauen verheiratet. In deutschland allerdings verboten.
  • Bisexuell: Man kann sowohl mit einem Mann oder mit einer Frau in einer Liebesbeziehung sein (mono-bisexuell) oder mit mehreren Menschen verschiedenen Geschlechts (poly-bisexuell).
  • Offene Beziehung: Menschen haben einen Primär-Partner, dürfen nebenher jedoch Dates und Beziehung haben.
  • Don't ask, don't tell: Meist in Verbindung mit einer offenen Beziehung. Was die Partner außerhalb der Primär-Beziehung erleben, wird nicht miteinander besprochen. Und es wird auch nicht nachgefragt.
  • Living apart together: Menschen haben eine Liebesbeziehung, leben jedoch in getrennten Wohnungen.
  • Queer: Dinge, Handlungen oder Personen, die von der gesellschaftlich vorgegebenen Grundnorm abweichen.
  • Erasure: Etwas ausradieren, entfernen, ungeschehen machen; so tun, als wäre etwas nicht existent.
  • Kinky: Handlungen oder Wahrnehmungen und Taten, die, vor allem im sexuellen Zusammenhang, vom gesellschaftlichen Durchschnitt schnell einmal als "pervers", "nicht normal" bzw. "abartig" eingestuft werden, weil sie anders und sehr speziell sind. 

    Dieses Glossar erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und dient auch nicht der genauen Abbildung der aktuellen Geschlechtervielfalt. Das Glossar dient lediglich dazu, im Interview vorhandene Begriffe, die möglicherweise Verständnisprobleme bei der lesenden Person hervorrufen könnten, zu erklären.  


Wie und wann hast Du herausgefunden, dass Du polyamorös veranlagt bist?

Ich habe schon mein ganzes Leben lang gemerkt, dass ich mehr als eine Person daten kann. Ich dachte immer, ich müsste mono sein. Deswegen habe ich auch, als ich angefangen habe zu daten, zwar immer eine Person mono gedatet, mich aber früher oder später dann doch noch in andere Personen verliebt oder sexuelles Interesse gehabt. Das durfte ich aber nicht, denn ich musste ja mono sein.


Sowas wie poly gab es gar nicht, war unvorstellbar, verboten oder ein Verrat.

Ja, und dann bin ich fremdgegangen, habe das gemacht was bei Polys als "serielle Monogamie der Monos" bekannt ist. Vorne herum mono tun aber hinten herum andere Leute treffen. Das war sehr traurig, denn ich wollte das so nie, wusste aber auch nicht, das und wie es anders gehen kann.

Und eigentlich wollte ich meinen Partnern und Partnerinnen immer davon erzählen, meine Gefühle teilen – aber das durfte ich noch nicht einmal denken.

Ich habe irgendwann gemerkt, wie ich immer unzufriedener wurde in monogamen Beziehungen, vor allem in der, die ich 5 Jahre lang hatte – und das wurde immer schlimmer. Dann habe ich eine Frau kennengelernt, die mir erzählte, dass sie in der Poly-Szene unterwegs ist und mich fragte, ob ich nicht mal mit zu einem Poly-Stammtisch kommen wollte.

Dann habe ich mich über Polyamorie informiert und dachte:


Das geht? Das darf man? Menschen können das einfach miteinander aushandeln und können dann so leben wie sie wollen?

Und dann kam ich schließlich zu dem Ergebnis: "Genau das bist du doch! Polyamourös! Das ist doch das, was du eigentlich möchtest!".  Ich war total geflasht! Als ich das herausgefunden habe, war ich etwa 26. Jetzt bin ich 30.


Wie hat Dein Umfeld darauf reagiert, dass Du poly bist bzw. bist Du damit gleich offen umgegangen oder hast Du es erst einmal versteckt?

Also, ich bin vollständig auf meiner Arbeit geoutet als bi und als poly, teilweise sogar als kinky. Auf der Arbeit waren alle mega-cool. Eine Arbeitskollegin hat sogar neugierig nachgefragt: "Was? Mehrere? Und die wissen voneinander?". Und ich konnte ehrlich sagen "Ja, und sie finden es sogar super".

Meine Mutter kommt mit meiner Bisexualität gut zurecht, aber sie versteht das nicht, dass man mit mehr als einer Person eine Beziehung haben möchte.

Mein Vater hingegen kann mein Poly nachvollziehen. Aber immer, wenn ich darüber rede, dass ich bisexuell bin, macht er ein etwas angestrengtes Gesicht. Find ich lustig, denn das heißt, bei ihm ist es genau umgekehrt.


Wie kann man sich das Zusammenleben von polyamorösen Menschen vorstellen? Wenn man nun zum Beispiel eine Beziehung zu drei verschiedenen Personen hat. Leben die dann alle unter einem Dach? Entsteht dann so eine Art Kommune?

Denn wenn jeder Partner polyamourös veranlagt ist, dann hat der ja auch wieder einige Partner usw. Oder lebt jeder in seiner eigenen Wohnung und die anderen kommen hin und wieder mal vorbei? 

Ich persönlich wohne im Moment sehr gerne alleine. Es spricht aber nichts dagegen, in Wohngemeinschaften zu leben, benachbarte Wohnungen anzumieten oder sich mit Zweit- und Drittwohnsitzen Räume zu schaffen. Oder auch wieder auseinander zu ziehen und "living apart together" zu machen, wenn das besser klappt.

Wie man das Zusammenleben gestaltet, hängt aber immer von der jeweiligen Person ab, die poly ist. Bei mir kann man sich das so vorstellen, dass ich einen Partner habe, der ungefähr eine Stunde von mir entfernt wohnt. Den sehe ich mindestens zweimal die Woche.

Und ich habe zwei Crush-Personen. Sie wohnen leider relativ weit weg, da muss man schon planen. Wir sehen uns nicht häufig, kommunizieren aber sehr viel über Telefon und WhatsApp.

Als ich angefangen habe poly zu daten, habe ich mir gesagt: „Nie wieder eine Person außerhalb von Köln!“ -  und jetzt sehen wir ja, wo die Liebe hingefallen ist.


Wie ist das mit Treue bei polyamorös veranlagten Menschen?

Bei mir ist es so, dass ich Treue darüber definiere, dass ich weiß, was bei meinen Partner_innen los ist.

Es gehört dazu, dass meine Partner_innen Dates haben und es ist auch völlig ok, wenn sie spontan jemanden kennenlernen und mit dem dann zum Beispiel im Club ein Date haben wollen - das können sie sofort machen. Was ich aber nicht möchte, ist, dass das Ganze hinter meinem Rücken passiert bzw. das sie das Gefühl haben, sie müssten es vor mir verheimlichen.

Es werden beim Thema Treue verbindliche Grenzen und Regeln miteinander besprochen. Was abgesprochen wird, daran halten sich alle. Für mich sind dabei die Werte Liebe, Ehrlichkeit und Empathie richtungsweisend.

Was bei mir z.B. auch absolut wichtig ist, ist das Thema Verhütung, wenn man sich über Treue unterhält! Wie man verhütet und dass diese Regeln eingehalten werden. Wenn ich mitbekomme, dass da irgendwie gepfuscht wird, dann bin ich weg!


Wenn Leute etwas machen, was nicht ok ist, dann gibt’s die Trennung!

Das ist für mich Vertrauensbruch und Treuebruch. Da hat jemand meine Grenzen nicht respektiert. Und das ist dann genau wie bei Monos.


Gibt es Eifersucht auch bei Poly-Menschen?

Ja, also bei mir gibt es Eifersucht und ich habe mich mit den Gründen dafür sehr intensiv auseinandergesetzt. Dabei habe ich drei Dinge herausgefunden:

  1. Ich mag es nicht allein zu sein, wenn meine Beziehung mit jemand anderem zusammen ist.
  2. Ich erlebe neidische Gefühl, weil ich denke, ich möchte jetzt aber auch eine gute Zeit haben.
  3. Ich habe leichte Selbstzweifel und denke manchmal: was, wenn die andere Person jetzt aber besser ist als ich?

Diese 3 Dinge lassen sich aber für mich gut auf Bedürfnisse zurückführen. Zum Beispiel: Ich sitze alleine zuhause und hätte aber gerne Leute um mich herum, während meine Herzperson ein Date hat. Das heißt, ich weiß, ich muss entweder jetzt sofort mehr Zeit mit meiner Herzperson verbringen oder aber mit Freund_innen abhängen oder so. Das Alleinsein ist dann das Problem.

Oder auch diese Selbstzweifel. Da weiß ich dann, dass ich Bestätigung brauche. Ich brauche, dass man mir z.B. sagt, dass ich schön bin. Oder:


Ich brauche jetzt, dass man mich in den Arm nimmt und mir Aufmerksamkeit gibt, mir sagt, wie toll ich bin, mir Komplimente macht oder was Schönes mit mir macht.

Ich kenne mich nicht aus mit dieser Eifersucht, die rasender Hass auf die dritte Person ist. Ich kenne auch nicht dieses "Ich gönne es den Leuten nicht! Die sollen nicht zusammen glücklich sein! Nur mit mir soll das Glücklich-Sein passieren!".

Ich empfinde meine Eifersucht als notwendig und wichtig, weil sie mir meine Bedürfnisse zeigt. Ich kann dank meiner Eifersucht also einfacher glücklich sein. Denn ein schlechtes Gefühl ist immer für einen guten Zweck da. Es zeigt, dass da etwas im Argen liegt. Und nur, wenn Du dieses negative Gefühl hast, merkst du doch, dass Du etwas ändern solltest.


Wird das mit der Zeit nicht anstrengend, wenn man mehrere Partner_innen hat?

Gut, manchmal muss ich schon überlegen, was ich wem erzählt habe von meinen Crushies. Da frag ich dann nach, denn ich verliere schon mal den Überblick. Aber das ist ja auch bei engem Kontakt im Freund_innenkreis so.


Mit wievielen Partner_innen bist Du momentan denn zusammen?

Ich habe einen festen Partner, mit dem bin ich seit einem Dreivierteljahr zusammen. Und date jetzt gerade frisch eine Frau. In zwei weitere Personen bin ich ziemlich verherzt, habe aber seltener Kontakt.

Ich merke jetzt aber, dass meine Kapazitäten erst einmal ausgeschöpft sind. Ich habe gar nicht das Bedürfnis jetzt weiter mit Leuten intim zu werden oder mich irgendwie auszutauschen.

In der Regel mache ich es nämlich so, dass ich eine Beziehung festige, dort Ruhe hineinbringe und mich in dieser Phase wirklich darauf konzentriere und nicht nebenher noch neue Beziehungen aufzubauen.


Wenn nun jemand entdeckt, dass er polyamourös ist (das aber vorerst nicht an die große Glocke hängen will), wie knüpft er am besten Kontakte?

Ich würde immer einen Poly-Stammtisch empfehlen. So habe ich das auch gemacht. Meine erste Poly-Freundin hat mich mitgeschleppt auf den Stammtisch, in dem sie sehr aktiv war, auf Facebook konnte ich mich in Gruppen austauschen.

Die Facebook-Gruppen sind sehr aktiv, es gibt aber auch Foren. Man trifft auf jeden Fall immer neue Leute und kennt dann auch so einige Leute. Auf einem Stammtisch habe ich mich in meine erste Poly-Freundin verguckt, kann ich also empfehlen.


Man könnte also auf Facebook nach anderen Polys schauen?

Ja, da sind alle Seiten für die Stammtische pro Stadt und es gibt Online-Verteiler, da werden Daten durchgegeben, wann Treffen sind. Es ist meistens sehr entspannt.


Du kommst beim Stammtisch an und dieses ganze Mono-Noise, das da im Hintergrund so mitläuft, ist einfach weg.

Du musst niemandem etwas erklären, man kann über dieselben Sachen lachen. Man hat dann einfach ein Mehrheitsgefühl. Und für ein paar Stunden mal nicht die Minderheit zu sein, das ist ein schönes Gefühl.


Gibt es spezielle Online-Dating-Portale, auf denen man polyamouröse Singles kennenlernen kann?

Ich wüsste jetzt nicht, dass es so eine Singlebörse gibt. Das ist definitiv eine Marktlücke. Ich hatte z.B. schon OkCupid zum Daten ausprobiert, das war semi-erfolgreich. Was ich da gut finde ist, dass man Matches mit den Leuten hat, dass man angeben kann, wen man sucht, und, dass die Profile halbwegs übersichtlich sind.

Auch die Fragen, die gestellt werden, sind sehr offen, das heißt, man hat also die Option, eine sehr queere Antwort zu geben. Für Polys und Bisexuelle ist das vorteilhaft.

Aber hauptsächlich lerne ich Menschen im realen Leben kennen oder via Social Media. Da laufen einem ständig Leute über den Weg, die sagen: "Hey! Dich würde ich gerne daten!". Und ansonsten wirklich Facebook.


Wie sieht es aus mit Dating-Apps wie Tinder?

Ich hatte nie Tinder. Ein Bekannter von mir nutzte Tinder unter anderem zum Poly-Daten und hat dort auch Polys getroffen, aber nur per Zufall, denn dort gibt es keine ausreichenden Filterfunktionen.

Es ist für mich einfacher Leute kennenzulernen, wenn sie von vornerein wissen das ich poly bin. Und dann mit diesem Wissen an mich herantreten.

Und dann kommen sie zu dir und sagen: "Hey, wie wär´s mal mit einem Date?". Oder auch wenn du auf Leute zugehst, dann können die ja auch relativ zügig feststellen: Aha, die Person ist poly – und was anderes ist hier nicht. Das ist definitiv hilfreich, weil Polys ja doch noch ein kleines, relativ unbekanntes Grüppchen sind.


Du hast vorhin gesagt, dass es sich gut anfühlt, wenn man mal nicht in der Minderheit ist. Fühlt sich poly-sein diesbezüglich so negativ an?

Ja. Denn ich hatte nie Vorbilder. Ich habe keine Vorbilder in den Medien gehabt, ich hatte keine Vorbilder in meinem persönlichen Umfeld.

Mir wurde nie vorgelebt oder gezeigt, wie gesunde polyamore oder bisexuelle Beziehungen aussehen könnten. Monos und Heteros haben da ein riesen Privileg.

Und wir wissen alle, dass Erasure ein Problem ist. Nehmen wir mal an, ich würde jetzt mit einem Mann und einer Frau im Arm über die Straße laufen. Dann würden alle annehmen, dass der Mann mein Boyfriend ist und die Frau meine beste Freundin.

polyamorie identitaet
"Dein Lebensentwurf bzw. Deine Art zu sein ist ok, auch wenn Du Dir noch nicht ganz sicher bist, wie das so genau aussehen soll."

In dem Moment wo die Leute das annehmen, wurde ich in meiner Identität schon ausradiert. Für mich ist es schon wichtig Vorbilder zu haben aber auch Vorbild zu sein und Polyamorie offen zu zeigen und zu leben.


So grundsätzlich betrachtet: Würdest Du "Monos" daten?

Ich date Monos sehr gerne, bin auch gern das einzige Love Interest von Leuten, würde aber niemals wieder meine Autonomie dafür aufgeben um mit einer Person zusammen zu sein, weder körperlich noch romantisch.

Von Leuten, die mir beziehungstechnisch Dinge gegen meine Natur verbieten oder aufzwingen, trenne ich mich sofort. Ich würde ja auch keine monogamen Menschen daten und ihnen dann aufzwingen, neben mir noch andere Leute zu treffen, sich also meinem poly anzupassen.

Ich hasse Monos ja nicht. Ich finde das sehr süß, ihre ganze romantische Welt dreht sich nur um eine einzige Person. Einfach niedlich.


Was ich hasse sind der Druck, Vorurteile, Fehleinschätzungen und der Anspruch, den Monos auf meine Autonomie erheben, sobald sie anfangen mich zu lieben.

Bei Monos, die ich gedated habe, kam ganz häufig dieser Reflex Liebe ist gleich körperlicher Besitzanspruch. Und obendrauf das Verbot von Gefühlen für andere.

War bei meinem aktuellen Boyfriend übrigens auch kurz so, bis ich das Verhalten bei ihm hinterfragt habe. Jetzt checkt er nicht mal mehr so ganz, warum Monogamie überhaupt so abgefeiert wird. Bin also ein knaller Einfluss <3.


Liebe C., wir danken dir von ganzem Herzen für dieses sehr offene und erhellende Gespräch über Dein Poly-Sein!


Wer hat das Interview "der polyamorösen Frau" geführt?

Pamela Moucha arbeitet seit vielen Jahren als Singlebörsen-Testerin und ist unsere Ansprechpartnerin für die Medien.

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