RM6 trifft solei_39


Eine virtuelle Liebesgeschichte

Veröffentlicht: 22. März 2007

Für die Schweiz haben wir einfach mal die Perpektive eines ganz normalen Pärchens eingenommen, das sich über das Internet kennenlernt.

Online-Dating ist eben mittlerweile ein Stück unspektakulärer Alltag bei den Eidgenossen.

"Beat ist wirklich hässlich. Zu lange Nase, kaum mehr Haare auf dem Kopf und ein Bauch, der es ihm verwehrt, bei aufrechtem Gang die Farbe seiner Schuhe zu erkennen. Des Nachts, wenn alle schlafen, treibt er sich im Internet herum. Immer auf der Suche nach willigen Gespielinnen, die er mit lüsternen Mail-Bomben attackieren kann. Bei Tageslicht sieht man ihm diese Obsession nicht an. Er ist leitender Angestellter in einem Dienstleistungsbetrieb und wird von seinen Arbeitskollegen (Freunde sind in seinem Umfeld kaum zu finden) als scheu und innerlich beschrieben. Natürlich hat er bei Frauen keine Chance..."

Was für eine Person stellen Sie sich vor, wenn Sie hören, jemand hat seine Traumfrau im Internet gefunden? Das kann ja nicht normal sein.

Kann es durchaus. Beat aus dem Oberbaselbiet ist zwar leitender Angestellter in einem Dienstleistungsbetrieb, der Rest seiner Beschreibung ist aber falsch. Er sieht gut aus, ist eine fröhliche und sportliche Natur und trotzdem hat er das Internet benutzt, um eine Partnerin zu finden.

Warum? Es sei immer schwieriger, im heutigen Umfeld die richtige Frau zu finden, sagt Beat. Außerdem hat er aus erster Ehe Kinder, was das Finden einer neuen Beziehung auch nicht einfacher macht.

Sportliche Kontakte

Bis er sich zum ersten Mal auf einer Dating-Site im Internet einloggte, las er mit Interesse die Kleininserate in der Tagespresse. Doch auf so eine Anzeige zu antworten, wäre ihm nie in den Sinn gekommen: "Aus den Texten erfährt man so gut wie nichts und man muss schon bei einer ersten Kontaktaufnahme seine Adresse preisgeben", sagt Beat. Ausserdem laufen die Kontakte meistens über ein Partnervermittlungsinstitut, die an der Vermittlung verdienen wollen. Die Illusion, via Kleininserat eine Partnerin zu finden, wurde Beat beim Zeitungsvergleich vollständig ge raubt.

In der Samstagsbeilage der "Basler Zeitung" habe er häufig Annoncen gelesen in der Annahme, sie seien von Personen aus der Region, "bis ich gemerkt habe, dass in der "Weltwoche" genau die gleichen Inserate stehen."

Die Traumfrau zusammenstellen

Aus einem Zeitungsbericht erfuhr Beat von den diversen Dating-Sites im Internet und schaute sich darauf verschiedene Seiten an. Er war begeis tert: "Sensationell ist das Raster am Beginn der Seite. Man kann buchstäblich seine Traumfrau zusammenstellen." Tatsächlich können auf partnerwinner.ch – wo Beat später erfolgreich war – zu Beginn der Suche die eigenen Wünsche eingegeben werden. Grösse, Gewicht, Region, Religion, Beruf, ob jemand raucht oder nicht und ob die Person bereits Kinder hat.

Beat suchte in einem ersten Anlauf eine Frau, die mit ihm seine Leidenschaft fürs Biken teilt. Als Pseudonym wählte er RM6; die Bezeichnung eines Mountainbikes, das er sich kaufen wollte. Die Suche blieb aber erfolglos. Seine Anforderungen waren zu gross:


Je kleiner der Raster, desto weniger Profile
stehen zur Verfügung.

Beat baute seine Suche aus und suchte eine Frau, die nicht unbedingt Bikerin, aber sonst sportlich veranlagt sein sollte. Außerdem sollte sie etwa in seinem Alter sein, nicht rauchen, in der Region Basel wohnen und bereits Kinder haben. Mit diesen Anforderungen hatte Beat mehr Glück. "Suche erfolgreich"» stand auf der Seite von partnerwinner.ch und darunter sechs Decknamen von potenziellen Partnerinnen. Kurz darauf hatte er intensiven SMS-Kontakt mit einer Frau aus Bad Ragaz. "Es ist unglaublich, wie schnell man Kontakt mit einer Person erhält."

Beim Online Dating Geduld mitbringen

Die SMS- und E-Mail-Bekanntschaft dauerte drei Wochen und zeigte Beat den grossen Nachteil des Internet-Datings. Es sei zwar brutal faszinierend jemanden zu kennen, ohne zu wissen, wie dieser aussehe, aber man laufe Gefahr, sich in etwas reinzusteigern. "Es ist die größte Gefahr, zu glauben, man kenne diese Person schon ewig und sich auf Basis von E-Mails, SMS und Telefonaten ein Traumbild zusammenzuschus tern, das der Realität nicht standhält."

Man sollte sich so schnell wie möglich im echten Leben treffen, resumierte Beat aus der Bekanntschaft mit der Frau aus Bad Ragaz. Diesen Vorsatz nahm er sich bei der nächsten E-Mail-Bekanntschaft zu Herzen und machte schnell ein Treffen in der Realität ab. Sein erstes Blind-Date sei "prickelnd" gewesen, auch die Frau nicht übel, aber geklappt habe es nicht.

Die soleil ging auf

Nach zwei missglückten Ver suchen traf Beat auf das Profil von soleil_39. Im Profil werden die wichtigsten Daten zur Person und derer Vorlieben aufgelistet und in einem kurzen Text beschreibt sich die Person selber. Aus diesen fünf bis sechs Zeilen lese man relativ schnell heraus, ob jemand etwas auf dem Kasten habe oder nicht, sagt Beat. Das Selbstporträt von so leil_39 überzeugte ihn.

Der darauf folgende rege Mail-Verkehr drohte aber eben so rasch zu enden, wie er be gonnen hatte. Beats Pseudo-Mail-Adresse (eine Adresse, bei der man den richtigen Namen nicht preisgibt) spuckte seine Mails zwar aus, kamen aber nie bei soleil_39 an.

Singlebörsen in der Schweiz auf dem Vormarsch 

"Nach einer Woche Funkstille wollte ich die ganze Geschichte begraben. Glücklicherweise hatte sie noch eine Mail-Adresse direkt auf partnerwinner.ch". Das Missverständnis konnte geklärt werden und nach einer weiteren Woche mit intensivem Kontakt, traf Beat seine Sonne zum ersten Mal im richtigen Leben. Der Rest ist klassisch. Heute sind Beat und Sonja bereits seit zehn Monaten glücklich zusammen.

"Sonja ist alleinerziehend und geht selten in den Ausgang. Und wenn sie einmal geht – wäre ich dann in der gleichen Disco? Würde ich mich getrauen sie anzusprechen?" Beat ist sich sicher, anders als übers Internet hätte er Sonja nie kennen gelernt.

Die absolute Anonymität

Beat würde – falls irgendwann wieder solo – gleich handeln. Das Internet sei für die Kontaktaufnahme wie geschaffen und falls man die Person am anderen Ende der Datenleitung nicht sympathisch finde, lasse man einfach nichts mehr von sich hören.

In einer Single-Aktion – wie sie die Tageszeitung "Blick" momentan veranstaltet – würde er aber nie mitmachen.


Mir fehlt der Mumm, mit einem Bild in einer
solchen Aktion mitzumachen. Ausserdem
möchte ich nicht unbedingt eine
Partnerin, die den "Blick" liest.

Doch das ist für Beat mo mentan so oder so von sekundärer Bedeutung. RM6 hat soleil_39 im Internet getroffen. Im echten Leben sind Beat und Sonja ein glückliches Paar.

Internet knapp hinter Arbeitsplatz

Das menschliche Verhalten im Internet und Online-Dating im Speziellen ist das Thema einer Studie von Evelina Bühler-Ilieva, Assistentin am soziologischen Institut der Uni Zürich. 4110 Nutzer von partnerwinner.ch beteiligten sich an einer Online-Umfrage von Bühler.

Die Studie hat ergeben, dass rund 70 Prozent der Nutzer männlich sind und die User glauben, dass der Arbeitsort (17,36 Prozent) knapp vor dem Internet (17,15) der beste Ort ist, um einen Partner zu finden. Ein Grossteil der Befragten schätzt am Internet die grosse Anonymität, die schnelle Kontaktaufnahme und die grosse Auswahl an potenziellen Partnern. Rund die Hälfte sucht im Internet eine dauerhafte Liebesbeziehung, 30 Prozent suchen auf diesem Weg Freundschaften und rund 17 Prozent sind nur auf erotische Kontakte aus. Als grössten Nachteil sehen die Befragten, dass man in den Anzeigen und per Mail "alles schreiben könne."

Schweizer Singlebörsen national und international unbedeutend

Abgesehen von partnerwinner.ch und swissflirt.ch, die sich im Marktsegment der "Kontaktanzeigen-Portale" mit Deutschen wie "FriendScout24", "ilove" und "neu.de" herumschlagen und zudem von Internationalen wie "Match.com" oder "Meetic.com" bedrängt werden, hat kaum ein "Nationaler" sein Stück Online-Dating-Land abstecken können.

Bei den Internet-Partnervermittlungen machen es die Marktführer vom großen nördlichen Nachbarn unter sich aus ("be2", "parship", "elitepartner") und bei den Sexkontakten dominiert der AdultFriendFinder.

Wir dürfen an dieser Stelle auf den Großen Singlebörsen-Vergleich für die Schweiz hinweisen ;-)


Wer hat diese Reportage geschrieben?

Henning Wiechers beobachtet seit 2003 die Welt der Singlebörsen und gilt in den Medien als führender Fachmann zum Thema.

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