|
GayRomeo ist das
Paradebeispiel einer sozialen Community im Internet:
Hunderttausende Schwule organisieren bei dem Portal ihr ganzes
Gesellschaftsleben - vom Sexabenteuer bis zu Städtereisen.
Manche können kaum noch ohne die Seite leben, und manche
ignorieren die Risiken.
Heute ist in der Bar in
Berlin-Schöneberg endlich wieder Hochbetrieb. Männer tanzen,
flirten, knutschen, plaudern. An anderen Abenden ist der Laden
eher ruhig. Aber heute ist "der Server von GayRomeo
zusammengebrochen", sagt der Barkeeper. "Dann kommen
alle aus ihren Löchern."
Netz-Community GayRomeo:
Die "blauen Seiten" für schwule Männer GayRomeo -
das ist mehr als eine Kontaktbörse. Es ist ein Musterbeispiel
für Communitys im Internet mit allen Vor- und Nachteilen, und
es ist das wichtigste Netz von Schwulen für Schwule in
Deutschland. Es hat 400.000 Mitglieder, allein in Berlin sind an
einem Samstagabend rund 4000 Männer online. Für manchen
Homosexuellen ist "GayRomeo" inzwischen wie eine
Sucht. Auf den Community-Seiten wird gechattet, geflirtet und
sich verabredet wie kaum sonstwo im deutschsprachigen Internet.
Mehr als die Hälfte der Benutzer bei GayRomeo stammt aus
Deutschland, und täglich kommen (zumindest den offiziellen
Informationen zufolge) rund 1500 dazu.
Das Angebot hat einen
entscheidenden Vorteil: Zum Finden von anderen Schwulen muss man
nicht mal mehr das Haus verlassen - sondern bewegt sich in der
anonymen Masse des World Wide Web. Viele der Männer
organisieren über das Internet ihr komplettes soziales Netz.
Eine Mitgliederbefragung im Februar ergab, dass 31 Prozent der
GayRomeo-Mitglieder über die Seite erotische Kontakte suchen -
doch im Forum geht es um mehr als Sex. Mehr als ein Viertel der
Mitglieder hält über die Site Kontakt zu Freunden, knapp ein
Viertel ist einfach auf der Suche nach neuen Bekannten. Nur rund
acht Prozent der deutschen Mitglieder sind den offiziellen
Angaben zufolge über 46 Jahre alt, fast zwei Drittel sind unter
35.
Ältere Schwule nutzen
andere Kennlernportale wie Gayroyal. Hobbys, Penislänge,
Vorlieben - Privatestes wird öffentlich Das Portal heißt kurz
auch "blaue Seiten", nach der Grundfarbe der
Internet-Site: Es dient als Lebenshilfe, Gesundheitsratgeber und
Reiseführer, als Job-, Auto- und Wohnungsmarkt. Nutzer lassen
sich von anderen Mitgliedern über die Szene fremder Städte
informieren: "Bevor ich in New York war, habe ich mich im
Chat mit Leuten dort nach netten Bars und Clubs erkundigt",
sagt der 27-jährige Jeremy P.* aus Köln.
Das Profil, das man bei
der Seite einrichtet, verkürzt den langwierigen Prozess des
Kennenlernens - egal, ob es um Chat, Sex, Date, Beziehung oder
Freundschaft geht. Dort wird auch Privatestes ausgebreitet: Im
Profil kann man Größe, Gewicht, Aussehen, Hobbys, Beruf,
Penislänge und sexuelle Vorlieben eintragen und Fotos
hinterlegen. "Es gibt gar keine Geheimnisse", sagt der
25-jährige Paul F.* aus Dormagen. An die Daten und in die Foren
kommt man gratis - kostenpflichtig wird es erst, wenn man
Porno-Bilder sehen will. Darüber finanziert sich die Seite zu
einem nicht unmaßgeblichen Teil.
Das Profil wird für die
Nutzer ein zentraler Teil ihres Lebens: "Neue
Bekanntschaften fragen mich inzwischen eher nach meinem
Profilnamen als nach meiner Telefonnummer", sagt Paul.
Nicht ohne Grund nennen manche Mitglieder das Portal
"Einwohnermeldeamt für Schwule". Paul: "Wenn ich
jemanden in einer Bar gesehen habe, schaue ich am nächsten Tag
erst mal nach seinem Profil." Diskrete Pünktchen in der
Windows-Taskleiste Gerade schüchterne Männer sparen sich durch
GayRomeo den Umweg des persönlichen Kontakteknüpfens. Manche
verlassen das Haus gar nicht mehr: "Ich habe zuvor relativ
selten Leute so kennen gelernt", sagt der Kölner Jeremy.
Jetzt traue er sich zumindest Menschen anzusprechen.
"GayRomeo läuft bei mir häufig im Hintergrund, egal ob
ich arbeite, lerne, lese oder koche", sagt Jeremy,
"manchmal auch den ganzen Tag." In der Community ist
man ständig erreichbar, das macht ihren Suchtfaktor aus. Nie
zuvor konnte man so einfach Tag und Nacht mit so vielen Menschen
kommunizieren oder sich kurzerhand in der Realität zu
verabreden. Auch im Büro kann man kurz mit Freunden chatten
oder ein Date für den Abend suchen: Die Seite verschwindet
klammheimlich im Hintergrund - in der Windows-Taskleiste
erscheinen Punkte statt des Seitennamens.
Ganze
Interessengemeinschaften finden sich in sogenannten Clubs
zusammen. Darunter harmlose wie "Schwul mit Hund",
"Flugbegleiter" und "Orientalgays", aber
auch geschlossene Gruppen, in denen es um so umstrittene wie
riskante "Bareback"-Partys geht: Gruppensex ohne
Kondom. Laut GayRomeo sind 30 Prozent der
Bareback-Clubmitglieder HIV-positiv. Diese Mitglieder können
sich im Netz untereinander verabreden, auf diese Weise aus ihrer
sozialen Isolation ausbrechen.
Für Nicht-Infizierte
birgt ein solches Sex-Angebot im Internet trotzdem Risiken: Es
senkt die Hemmschwelle gegenüber den gefährlichen Praktiken.
"Viele kranke, frustrierte und alleinstehende
Menschen" Diese Probleme werden dadurch verschärft, dass
im Internet niemand überprüfen kann, wer sich in der
Wirklichkeit hinter einem digitalen Profil verbirgt. Da nehmen
es Mitglieder mit der Wahrheit auch mal nicht so genau. Die
harmloseren "Faker" ("Fälscher") sind auf
intime Bilder aus - oder anonymen Cybersex, bei dem sie in eine
fremde Rolle schlüpfen. Probleme, wie man sie seit den
frühesten Kontaktbörsen und -chats im Netz kennt.
Der 23-jährige Stephan
F.* aus Köln erzählt von einem Mann, der dreieinhalb Stunden
zu einem Kontakt aus dem Netz fuhr - und dann den anderen kaum
erkannt hat, als er vor ihm stand. "Die Fotos im Netz waren
sehr geschmeichelt." In schwereren Fällen kommt es zu
Betrug, Diebstahl oder Erpressung. In der Community wird von
Geldforderungen mit und ohne sexuelle Gegenleistung berichtet.
Für manchen Benutzer wird die Kommunikation über GayRomeo zum
Problem. Paul sagt: "Es sind so viele kranke, frustrierte
und alleinstehende Menschen angemeldet."
Die Offenherzigkeit in
den Profilen ermöglicht sogenannten "Cyberstalkern",
andere Benutzer zu verfolgen, per E-Mail zu belästigen oder in
Chaträumen zu bedrängen. Solche Störungen sind lästig, aber:
"Weil sich die Belästigung meist nicht nur auf eine
bestimmte Person bezieht, kann man nicht von echtem Stalking
sprechen", sagt die Stalkingforscherin Heike Küken von der
TU Darmstadt. Darum hilft es meistens, die Chat-Kommunikation
bei GayRomeo per Druck auf den "Nein danke"-Schalter
zu unterbinden.
Deutlich brenzliger wird
es, wenn schon Adressen oder Telefonnummern ausgetauscht wurden.
Dann gilt bei GayRomeo genau das Gleiche wie bei anderen
Community-Plattformen à la MySpace, Knuddels oder StudiVZ: Die
Belästigung kann sich ins wahre Leben verlagern - was dann
äußerst unangenehm wird.
|