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Herr Prof.
Witte, welche Voraussetzungen müssen stimmen, damit zwei Menschen
sich verlieben?
Verlieben ist innerhalb gewisser Grenzen (Alter, Größe, Aussehen)
ein Zufallsprozess.
Man nennt das auch Schicksal. Wir können niemanden so beeinflussen,
dass er/sie sich in uns verliebt.
Das hat die Natur
so eingerichtet. So erhält sich unsere Art durch Fortpflanzung ohne
allzu große Behinderung durch verschiedene Auswahlkriterien, die
erfüllt sein müssen.
Welche
Voraussetzungen müssen stimmen, damit zwei Menschen über die
Verliebtheit hinaus eine Beziehung beginnen?
Wir haben in westlichen Gesellschaften Scheidungsraten, die um die um
50% liegen.
Es ist also ohne weitere Barrieren ein Zufall, ob man zusammenbleibt
oder sich trennt.
Die Frage ist, was die Paare, die zusammenbleiben, von den sich
trennenden Paaren unterscheidet. Das beginnt schon beim Verlieben,
wenn man sich in den richtigen Mann oder die richtige Frau verliebt
hat, dann ist es viel leichter, eine dauerhaft glückliche Beziehung
zu leben.
Die eher äußeren
Kriterien, wie Aussehen, Geruch, Kleidung, Geld sind für eine
dauerhaft glückliche Beziehung beim Verlieben für die Wahl einer
kurzfristigen Beziehung wichtig, aber für langfristige Beziehungen
haben sie keine Bedeutung.
Es gibt zwei
Bereiche, die besonders bedeutsam sind, nämlich persönliche Merkmale
der sozialen Integration (Strebsamkeit, Unternehmungslust, vielseitige
Interessen) und gegenseitige Beziehungsfähigkeit
(Einfühlungsvermögen, Warmherzigkeit, Gefühlsbetontheit).
Dabei ist es die
Übereinstimmung in den beiden Bereichen zwischen den Partnern und
nicht die Bedeutung für den einzelnen. Nur wenn man in der Beziehung
die beiden Bereiche gemeinsam für wichtig oder unwichtig beim
Verlieben eingeschätzt hat, dann ist mit einer eher glücklichen
Beziehung auf Dauer zu rechnen.
Dass die
Übereinstimmung in genau diesen beiden Bereichen von Bedeutung ist,
können die einzelnen Paare nicht wissen. Das ist ein Ergebnis der
Forschung.
Welche
Voraussetzungen müssen stimmen, damit eine Beziehung dauerhaft
glücklich ist? Gibt es so ein Rezept?
Wir haben lange über diese Frage
nachgedacht und versucht ein Modell von glücklichen Beziehungen zu
formulieren. Das ist auch in einem populärwissenschaftlichen Buch von
Frau Wallschlag und mir niedergelegt worden mit dem Titel „Die fünf
Säulen der Liebe“ beim Herder-Verlag. Dieses Modell basiert auf
sehr unterschiedlichen Erkenntnissen aus Psychologie, Soziologie und
Paartherapie.
Wichtig ist zuerst einmal,
dem Partner auch durch sein Verhalten zu zeigen, dass man ihn oder sie
liebt. Unter dieser Voraussetzung kann man sie oder ihn
auch kritisieren und sich über Veränderungswünsche auseinander
setzen. Das führt dann zu einer ausbalancierten Machtverteilung und
einem gewünschten Ausmaß an Nähe.
Gleichzeitig ist
es wichtig Außenkontakte zu haben, die die Paarbeziehung von außen
anregen. Das können gemeinsame Hobbys, berufliche Kontakte oder
Familienaufgaben sein. Diese Außenkontakte bereichern die Beziehung
und stellen eine wichtige Grundlage für die Lebendigkeit einer
Beziehung dar. In einer so gelebten Beziehung finden Menschen das, was
viele sich am meisten wünschen: Geborgenheit, Zärtlichkeit und ein
Sich- Verstanden-Fühlen.
Nur eine
glückliche, dauerhafte Paarbeziehung kann das ermöglichen. Diese zu
erhalten ist eine Aufgabe, der man sich bewusst stellen muss.
Verliebtsein ist eine automatische Reaktion, die sich einstellen kann
und die man nicht bewusst steuert. Eine glückliche Beziehung aber
kann man bewusst gestalten. Bei manchen Beziehungen ist es jedoch sehr
schwer, weil die Unterschiede zu groß sind. Dann kann man auch
gemeinsam zu dem Ergebnis kommen, dass Trennung besser ist.
Die Gestaltung von
Beziehung hat viel mit Überlegungen und das sich in die Perspektive
des Partners Versetzen zu tun. Das Verliebtsein als Start ist wichtig,
aber es bleibt nicht einfach erhalten. Man muss das Gefühl bewusst
pflegen. Wie man das machen kann, ist eine Aufgabe für die beiden
Personen in einer Partnerschaft. Hier gibt es keine Lösungen, die
für alle gelten. Die Personen müssen nur die Funktionsprinzipien zur
Gestaltung von Paarbeziehungen berücksichtigen.
Wie
entstehen eigentlich feste Paarbeziehungen?
Man hat verschiedene Phasen-Modelle entwickelt, um sich erklären zu
können, warum manche Kontakte in einer festen Bindung enden und
andere sich nicht weiter entwickeln. Dabei gibt es eine Stufenfolge,
die beim Prozess des Kennenlernens durchlaufen werden muss.
Sie beginnt mit
den oberflächlichen Kriterien, die man bei neuen Kontakten
heranzieht. Wie jemand aussieht, was er beruflich macht, welche Hobbys
er hat, wie umgänglich er ist etc. Man nennt das wegen des relativ
oberflächlichen Eindrucks die Stimulus-Phase. Wenn jemand nach den
dort vorgenommenen Bewertungen zu einem passt, dann ist man bereit ihn
näher kennen zu lernen. Sonst nicht.
Danach tauscht man
schon intimere Informationen aus. Es geht dann um allgemeine
Werthaltungen, aber auch Vorstellungen über eine Paarbeziehung. Man
nennt sie deshalb die Werte-Phase. Auch hier besteht dann die
Möglichkeit, dass die Unterschiede zu groß sind und man keine engere
Beziehung wünscht.
Hat eine neue
Bekanntschaft diese zweite Hürde überwunden, dann achtet man auf die
Persönlichkeit, den konkreten Umgang in einer Paarbeziehung, den
Umgang mit gemeinsamen Konflikten und die Sexualität. Man nennt das
die Rollen-Phase. Auch hier kann es natürlich noch scheitern.
Sind diese 3
Stufen (Phasen) altersabhängig?
Diese drei Phasen (Stimulus Phase, Werte Phase, Rollen Phase) sind
übliche Stufen des Kennenlernens, wobei der Intimitätsgrad
entsprechend zunimmt. Gewisse Formen der Selbstoffenbarung sind nur
bei einem intimeren Kontakt zulässig, z.B. über sexuelle
Vorlieben.
Dabei sind die
drei Phasen nicht altersabhängig, aber welche Inhalte als wichtig
angesehen werden, ändert sich mit dem Alter, weil die Personen
unterschiedlich sozialisiert wurden. Es kommt jeweils aber nur auf die
Ähnlichkeit an und nicht worin sich die Personen ähnlich sind.
Folglich ist das Alter schon indirekt berücksichtigt, weil abhängig
vom Alter unterschiedliche Angaben gemacht werden.
Uns interessieren
jedoch nur die Übereinstimmungen in etwa gleichaltriger Personen.
Gibt es
altersunabhängige Parameter?
Alter ist eine Matching-Variable, deshalb werden nur altersähnliche
Personen vorgeschlagen. Deshalb muss uns Alter nicht wirklich
interessieren.
Die
Funktionsprinzipien für glückliche Partnerschaften sind
altersunabhängig. Das sind allgemeine Prozesse. Die Inhalte können
mit dem Alter variieren.
Wie kann man
mit welchen Fragenkomplexen herausfinden, wie Partner zusammenpassen,
z.B. Musikgeschmack, Hobbys?
Es gibt viele Bereiche, die es erleichtern, eine glückliche Beziehung
zu leben. Ich nenne die wichtigsten:
a) Individuelle:
Lebensziele, Persönlichkeit, Freizeitgestaltung,
Beruf, Schicht, Bildung, Interessen
b) Interindividuelle:
Beziehungsstil, Kommunikationsfähigkeit,
Einfühlungsvermögen.
Welche
Bedeutung hat so eine Übereinstimmung für die emotionale
Harmonie (Verliebtheit)?
Die Übereinstimmung erleichtert die Abstimmung, wie man eine
Beziehung führen möchte. Sonst muss man Anpassungsprozesse in Gang
setzen, die individuelle Veränderung bedeuten. Das fällt allen
Personen schwer. Deshalb ist es auf der Grundlage eines
Verliebtheitsgefühls bei größerer Übereinstimmung leichter,
glücklich zu bleiben.
Wichtig ist, dass
die Beziehung durch Kontakte nach außen lebendig bleibt. Das
ursprüngliche Gefühl des Verliebtseins ändert sich dann bei
anhaltender Beziehung in ein Gefühl der tiefen Liebe, wenn man Glück
hat. Wenn man immer auf dem Niveau des Verliebtseins bleibt, dann
empfindet man zwar ein Kribbeln, aber es fehlt der Tiefgang mit
Geborgenheit, Vertrauen und Verständnis.
Kann man
Ausschlusskriterien für Zweier-Beziehungen überhaupt in einem
Fragebogen erfassen?
Ja. Es gibt psychische Störungen, neben den reinen äußeren
Kriterien, wie Größe, Gewicht, AUSSEHEN, die eine Paarbeziehung
schwierig oder unmöglich machen.
Diese Personenkombinationen müssen ausgefiltert werden.
Es gibt auch
Personen, die so gestört sind, dass sie Hilfe brauchen, die aber
nicht von einem neuen Partner kommen kann. Sie können jetzt ihre
Störung im ersten Anlauf durch das Darstellen im Fragebogen
kaschieren. Aber die gesamte Information wird dann ein Bild liefern,
das eine gewisse Störung offenbart.
Ferner haben wir
Lügenitems und Sorgfältigkeitsindikatoren im Fragebogen als
Kontrollvariablen, die eine Verfälschung erkennen können.
Zudem gibt es aus
der Forschung zum Bindungsstil Kombinationen, die nicht auftreten
sollten, weil sie kaum auf Dauer glücklich bleiben, wie die Forschung
gezeigt hat.
Welche und
wie viele positive Eigenschaften können welche und wie viele negative
Eigenschaften kompensieren?
Wenn gewisse Kombinationen ausgeschlossen sind, dann kann sich der
Rest kompensieren. Man schafft soziale Homogamie, Übereinstimmung in
der Herkunft und im Sozialstatus, schließt gewisse
Bindungsstilkombinationen aus, nimmt gestörte Persönlichkeiten
heraus, dann sucht man in den verbleibenden Merkmalen nach
Ähnlichkeit. Je größer diese Ähnlichkeit ist, desto geringer sind
die Konfliktpotenziale und desto eher funktioniert die Partnerschaft
nach den oben beschriebenen Prinzipien.
Es geht also nicht
darum, etwas zukompensieren, sondern nur auf einem Hintergrund nach
Übereinstimmung zu suchen.
Die Idee "Reicher
alter Mann heiratet junge arme Frau" funktioniert nur beim
Verlieben, nicht bei einer dauerhaften glücklichen Liebesbeziehung.
Ausnahmen bestätigen die Regel.
Was hat
Partner.de an Leistungen, Fragebogen mit Unterstützungen von Ihnen
was andere nicht haben?
Mein Eindruck von anderen Internet-Partnerbörsen ist folgender: Die
Ansätze gehen von einem statischen Modell aus, das durch die
Zusammenführung zweier Personen mit ähnlichen
Persönlichkeitsmerkmalen und Interessen zu einer glücklichen
Beziehung führt.
Bei Partner.de
haben wir hingegen ein Prozessmodell der Entwicklung von
Partnerschaften mit verschiedenen Phasen des Kennenlernens sowie der
internen Abläufe zur Erreichung und Stabilisierung der Beziehung als
theoretischen Hintergrund.
Das geht von
zentralen Kriterien beim Verlieben über Bindungsfähigkeit,
Lebensziele und interne Abstimmungsformen. Dieses Modell und die
dazugehörigen Fragebögen zu seiner Erfassung bilden den
Entwicklungsprozess von Paarbeziehungen ab, wohingegen die anderen in
den erhobenen Variablen vorwiegend statisch orientiert sind.
Ferner haben wir
gezielt die Glaubwürdigkeit der Angaben einer intensiven Kontrolle
unterzogen, was so nicht bei den anderen geschieht. Die Grundlage
unserer Diagnostik ist die neuere Forschung zur dynamischen
Entwicklung und Stabilisierung von Paarbeziehungen als
Mikrosysteme.
Inwieweit
spielt der visuelle Eindruck in den Fragebögen bzw. Online Dating
eine Rolle? Inwiefern wird dieser berücksichtigt?
Der Eindruck am Bildschirm ist sehr wichtig. Man sollte dem
elektronischen Medium Leben einhauchen, indem man eine direkte
persönliche Kommunikation simuliert.
Hier
können kleine Video-Instruktionen und Bemerkungen per Video den
Eindruck eines Interaktionspartners vermitteln. Das erhöht die
Genauigkeit der Angaben. Wie man von dem “kalten“ Medium
angesprochen wird bei dieser so emotionalen Sache ist wichtig.
Inwieweit
stehen Sie als Sozialwissenschaftler dem biologisch fundierten
Partnerschaftsuntersuchungen gegenüber?
Es gibt keinen Widerspruch zwischen Biologie und Sozialwissenschaften,
zwischen Natur und Kultur. Kultur ist eine Kombination aus
natürlichen, evolutionären und kulturellen Bedingungen. Wir müssen
einfach unsere Herkunft aus dem Tierreich akzeptieren.
Aber
die Kenntnisse über die angelegten Mechanismen versetzen uns in die
Lage damit umzugehen. Es besteht nicht die Möglichkeit, Verliebtsein
zu erzeugen. Aber man kann gezielt unter Partnern wählen, mit denen
man eher auf Dauer glücklich bleibt.
Inwiefern
erkennt sich ein Partner im anderen Partner,
z.B. Ähnlichkeiten im Aussehen?
Hier haben wir ein bekanntes Problem. Wir glauben, dass der Partner so
ist wie wir selber. Das ist leider ein Fehlschluss. Bemerkt wird er,
wenn man wirkliche Konflikte hat.
Jedoch
ist es angenehm, wenn der andere wirklich dasselbe denkt wie ich, weil
ich dann weiß, dass ich Recht habe. Eine feste Partnerschaft hat nun
nicht das Ziel, zwei möglichst gleiche Personen zusammenzubringen,
sondern einen Menschen zu haben,
bei dem man so sein kann, wie man wirklich ist, und der einen
trotzdem schätzt.
Neben
der Bindung an eine andere Person geht es für den einzelnen in einer
Partnerschaft auch immer darum, sich tiefgehend verstanden zu fühlen.
Da ist eine tolerierbare Unterschiedlichkeit für eine Beziehung
anregend. Sie darf nur nicht destruktiv werden.
Wir
helfen den Personen beim Suchen des richtigen Partners. Finden müssen
Sie immer noch allein. Wer wollte sich das auch abnehmen lassen?
Herr Prof.
Witte, wir
danken Ihnen herzlich für das Gespräch!
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