Frau von Schirach,
herzlichen Glückwunsch zu ihrem Bestseller: Knapp 400 bemerkenswerte
Seiten zum Thema "Die Fixierung auf Schönheit und Sex plättet
jede Erotik" machten Sie zu Deutschlands gefragtester
Nachwuchsautorin.
Mögen Sie nach zig TV-Auftritten, Radio-Sendungen u.ä. überhaupt
noch über Ihr Buch reden?
Was ich geschrieben habe, liegt mir am Herzen, deshalb spreche ich
gerne über die Thesen meines Buches. Aber ganz ehrlich - mich
interessieren auch viele andere Dinge.
Wir fragen uns
natürlich: Verstärkt die Internet-Partnersuche die von Ihnen
beschriebenen Probleme (Stichwort: "Single muss sich auf
Kontaktanzeigen-Märkten als Hochglanzprodukt verkaufen") oder
stellt sie einen Ausweg aus dem Schlamassel dar (Stichwort:
"Verliebt in einen Chatpartner, ohne ihn je gesehen zu haben -
die inneren Werte zählen wieder")?
Natürlich geht es im Internet auch ums Pimpen, darum, einen guten
Eindruck zu machen. Da wird ja gelogen was das Zeug hält.
Andererseits wird jeder, der ernsthaft einen Partner sucht, versuchen
sich so realistisch wie möglich darzustellen. Denn viele haben sich
schon virtuell verliebt und sind enttäuscht worden.
Das heißt auch, dass diese "inneren Werte" nur bedingt
tragfähig sind. Man kann sich maßlos in einen Chatpartner verlieben,
aber irgendwann will man ihn oder sie auch kennen lernen. Und dann
kommt es eben doch darauf an, ob man sich riechen kann. Was nicht
heißt, dass es nicht oft zu beiläufigem Beischlaf kommt. Aber die
Liebe?
Haben Sie sich im
Internet mal auf Partnersuche begeben? Was halten Sie von der ganzen
Sache? Wenn ja, verraten Sie ins Ihren Nick? ;-)
Das Internet ist eine großartige Kommunikationsplattform. Ich kenne
Menschen, die sich im Netz gefunden und verliebt haben (nachdem sie
sich auch in der Realität bezaubernd fanden). Ich selbst bin eher
eine Echtzeit-Person.
Weswegen wir Sie
eigentlich interviewen: Im letzten Jahr konnten wir eindeutig den
Trend feststellen, dass sich Menschen via Internet gezielt zu
erotischen Kontakten verabreden. In einer Umfrage von uns gaben 74%
der Befragten an, mit mindestens einem Blinddate auch im Bett gelandet
zu sein. Denken Sie, dass dies nur eine kurze Modeerscheinung ist,
oder sind wir einfach offener und hemmungsloser geworden?
Hemmungslosigkeit ist sicher gerade im Trend; trotzdem denke ich, dass
wir ganz allgemein offener und aufgeklärter geworden sind. Abgesehen
davon ist Sex mittlerweile ein Statussymbol, etwas, das man um seiner
selbst willen anstrebt.
Und bei Blindates gibt es wohl oft den Moment: Wenn ich schon mal hier
bin, mich getraut und mir den Stress gemacht habe, will ich dafür
auch was bekommen. Das hat manchmal gar nichts mehr damit zu tun, ob
man das Gegenüber begehrenswert findet. Oder wie ein Befragter
formulierte: Da muss ich jetzt durch.
Auch Erotikparties finden
sich über das Internet in fast jeder Großstadt. Nähern wir uns
wieder den Zuständen im Alten Rom an oder haben wir das alles vorher
vielleicht einfach nur nicht wahrgenommen?
Das Internet macht vieles sichtbar, das vorher im Privaten stattfand.
Das ist sicher eine Wahrnehmungsfrage. Aber Sex ist zum Wert an sich
geworden; das führt schon zu einer gewissen Enthemmung.
Im Internet sind rund
500.000 Frauen mit einer Anzeige auf Portalen für erotische präsent,
um auf diesem Wege Männer kennen zu lernen - davon rund 200.000
Frauen, die sich nackt in ihrem Profil zeigen. Und damit meinen wir
keine "Professionellen", sondern ganz normale Leute von
Nebenan.
Helfen Sie uns auf die Sprünge: Was motiviert die?
Früher hieß es doch immer, dass eine Frau die einen ONS sucht, nur
um die Ecke in die nächste Kneipe gehen muss.
Sex ist eben
glamourös, das ganz große Ding. Porno ist cool, Entblößung ist
geil, je mehr desto besser. Aber ich weiß auch nicht, was diese
Frauen motiviert. Diese exzessive Entblößung ist doch nicht mehr
erotisch, sondern nur noch banal. Da hat eine massive
Werteverschiebung stattgefunden, hin zum öffentlichen Privaten.
Eben - Sex und Sexiness als ultimative Statussymbole. Und das Netz
bietet die Möglichkeit, diese vordergründige Begehrenswürdigkeit
der ganzen Welt mitzuteilen. Eindeutig ein Vorteil gegenüber der
Eckkneipe.
Fotos vom Genitalbereich
werden bei den seriösen Sexkontakt-Portalen gesperrt, so dass
reichlich Männeroberkörper und Frauenoberkörper zu bestaunen sind.
Bisher besagte der gesellschaftliche Konsens: Für Männer okay, für
Frauen höchstens am Strand okay. Hat sich das durch die
vorangeschrittene Emanzipation geändert, oder ist das eine
Erscheinung, die es so nur im WWW gibt.
Was meinen Sie? Ich habe noch keine barbusigen Frauen auf Berlins
Strassen gesehen.
Oder ist
Erotik-Partnersuche im Internet ein bisschen wie Urlaub: Einfach mal
Sachen machen, die man daheim nicht unbedingt leben würde?
Die mögliche Anonymität im Internet senkt die Schamgrenze. Für
manche ist das sicher eine Art Urlaub von der Wirklichkeit. Man kann
über seine bürgerliche Existenz (Job, Familienstand, Status etc.)
lügen, man trifft sich, und dann geht man wieder nach Hause.
Was meinen Sie, ist den
Leuten, die sich online exponieren, überhaupt bewusst, dass sie von
Arbeitskollegen, Eltern, Tanten, ... entdeckt werden könnten - oder
glauben Sie, dass denen diese Risiken gar nicht bewusst sind?
Exhibitionismus vs. Dummheit - was liegt vorne?
Tja, gute Frage. Aber diese totale Zugänglichkeit ihrer Daten ist
vielen sicher nicht bewusst. Wir haben erschreckenderweise in vielen
Bereichen das Gefühl für die Privatheit unserer Daten verloren. Der
Konsens lautet: Was ist denn schon dabei? Oder: Da schaut doch eh
keiner nach!
Nur mal am Rande: Wenn
wir Mädchen, die uns abends über den Weg laufen, davon erzählen,
dass wir beruflich Singlebörsen testen, laufen sie meist schreiend
davon. Wie reagieren denn Männer auf jemanden wie Sie?
Wie immer.
Frau von Schirach, wir
danken Ihnen herzlich für das Gespräch!
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