Herr Dr. Damm, Sie
beschäftigen sich seit einigen Jahren wissenschaftlich und
als erfolgreicher Buchautor mit dem Thema "Flirten".
Welche Phasen durchläuft man normalerweise in
einer positiv verlaufenden Alltags-Flirtsituation, z.B. in
der Kneipe?
Der Flirt zwischen Menschen folgt bestimmten beschreibbaren
Gesetzen, die überwiegend jedem angeboren und selbstverständlich den
Beteiligten nicht unmittelbar bewusst sind.
Bei einem erfolgreichen
Flirt-Ritual – damit meine ich die Kompetenz zum Augenkontakt,
Gespräch usw. – wird zu Beginn in der Regel das Erscheinungsbild
und die Körpersprache zum Nonplusultra. Der Flirt beginnt mit einem
Blick in die Augen eines anziehenden Gegenübers. Gefalle ich meinem
Flirtpartner, äußerlich betrachtet, dann zeigt dieser, je nach
eigenem Geschlecht, typische Verhaltensweisen, d.h.
geschlechtsspezifische Körpersprache.
Nach der Aufmerksamkeitsphase,
also die eben dargestellte, wird im Allgemeinen die räumliche
Entfernung verkürzt (Phase der Annäherung), dann spricht
einer der beiden das Gegenüber an (Phase des verbalen Flirts).
Für das Gespräch sollten sich beide(!) mehr oder weniger optisch
reizend oder sympathisch finden. Beim Flirtgespräch, der letzten
Phase also, entscheidet die grundlegende Motivation beider (!)
Partner, in welcher Art der Flirt weitergeführt wird, z.B.
Partnersuche, Onenightstand, Verkaufsgespräch usw.
Fassen wir zusammen: Der
erfolgreiche Flirt, der beispielweise zum Ziel hat, mit dem Gegenüber
intim zu werden, beginnt mit einem interessierten Blickwechsel und
endet beim Kuss. Sex hat nicht mehr viel mit Flirten zu tun, dann
überwältigt die Leidenschaft...
Was sind die Hauptgründe
dafür, dass ein Flirt nicht zum Erfolg führt?
In welcher Phase
kommt es am häufigsten zum Abbruch?
Erfolg beim Flirten ist relativ, d.h. stets abhängig von meiner
Motivation und Zielsetzung. Es kommt, wie gesagt, immer darauf an, was
für einen Anreiz ich gerade habe, mit diesem oder jenen Menschen zu
flirten. (Meistens ist übrigens die sexuelle Triebfeder beim Flirten
im Alltag präsent, meist unbewusst.)
Einige Menschen, beispielsweise
in der freien Industrie, flirten mit den Vorgesetzten, um Karriere zu
machen, d.h. sie flirten egoistisch-motiviert, sie schleimen (auch
eine Art des Flirtens). Ein anderer flirtet mit seinen Mitmenschen,
unabhängig davon, ob sie ihm irgendeinen Nutzen bringen oder nicht,
weil es schlicht und einfach seinem Naturell entspricht (Flirt aus
uneigennütziger Menschenliebe) usw. Dieser oder jener Flirt wird wie
auch alle anderen Flirtarten dann scheitern, wenn das Gegenüber nicht
flirten und/ oder mitagieren will, d.h. abblockt.
Zum Abbruch. Flirts, die darauf
abzielen, einen Mitmenschen dauerhaft für sich zu begeistern, d.h.
Flirts, die eine Partnerschaft begründen sollen, scheitern meistens
bereits nach drei Sekunden. So lange bzw. so kurz ist der für alles
weitere verantwortliche Zeitraum. In diesen drei Sekunden entsteht
bereits ein positives, negatives oder gleichgültiges Urteil über
einen Mitmenschen. Wir denken schließlich leider so ziemlich alle in
Schubladen. Wegen der Relevanz des Äußeren sollten wir immer darauf
bedacht sein, egal ob Mann oder Frau, auf unser Erscheinungsbild zu
achten. Denn: Never get a second chance to make a first impression!
Die "klassische
Flirtforschung" geht von einer Situation im realen Leben aus.
Immer mehr Singles versuchen ihr Glück aber neuerdings über das
Internet. Wie unterscheidet sich hier der Ablauf des Flirts?
Und gibt es beim Online-Flirt nicht ganz andere
Erfolgsfaktoren?
Der Hauptunterschied ist der, dass man beim Online-Flirt – ich
meine das Chatten – das Gegenüber nicht unmittelbar
"erlebt", d.h. körpersprachlich, oft auch von der
Ausstrahlung her nicht viel mitbekommt. Dafür wird gleich zu Beginn
das sprichwörtliche Süßholz geraspelt. Weitere Unterschiede: Auch
wird die erste Phase des Flirts, die Aufmerksamkeitsphase, umgangen.
Das kann gut, aber auch nachteilig sein.
Das ändert sich ja dann, wenn
Pics getaucht werden. So habe ich das ja früher auch gemacht; ich war
mal begeisterter Chatter.
Dates, bei denen vorher Bilder
getauscht wurden, sind sehr spannend, die Hormone spielen verrückt.
Ich empfehle übrigens, dass Chatter stets Bilder tauschen sollten,
denn Blind-Dates gehen des Öfteren deshalb in die Hose, weil man den
anderen vorher nicht gesehen hat und trotzdem unbewusst zum
Idealpartner, auch äußerlich, geträumt hat.
Ein Vorteil des Online-Flirtens
ist, dass man relativ gefahrlos jemanden kontaktieren kann: es gibt
nicht so schnell einen Korb. Außerdem geht aus den Forschungsdaten
hervor, dass auch ein nicht geringer Prozentsatz von
Blind-Date-Kandidaten stabile Partnerschaften erlebt.
Wer sich im Internet
sympathisch findet, strebt nach einigen Flirt-E-Mails und
Telefonaten ja irgendwann das erste "richtige" Treffen
an. Werden dort dann einige Phasen des "klassischen Flirts"
nachgeholt?
Alle Phasen werden nachgeholt – hoffentlich. Denn, wie gesagt,
egal wie viele Flirt-E-Mails geschrieben, Telefonate getätigt wurden:
Die ersten drei Sekunden des ersten Anblicks in der Realität
entscheidet über die ganze Angelegenheit! Drum habe ich eben ja
geraten, Pics zu tauschen. Sollten diese auf beidseitiges Wohlwollen
stoßen, steht den Phasen des Flirts, die allesamt beim ersten Date
nachgeholt werden, nicht viel im Wege. – Vielleicht, wie sonst auch,
unerwünschte Charaktereigenschaften, die zutage treten, bremsen den
Flirt.
Das müsste ja eigentlich
zu einer hohen Quote an gescheiterten Date-Versuchen führen.
Eine Studie der Universität Zürich zeigte aber, dass
rund 25% der Nutzer eines großen
Kontaktanzeigen-Portals tatsächlich online eine Beziehung gefunden
haben. Und 16% gaben sogar an, sich schon im Internet verliebt zu
haben. Wie erklären sich die Flirt-Forschung das?
Wir erklären das damit, als das Menschen, die sich zum ersten Mal
bei einem Date sehen, sich auch optisch gefallen können, was ja im
Allgemeinen eine Bedingung für eine gemeinsame Zukunft ist. Im
Internet sind außerdem viele Menschen unterwegs, die gezielt einen
Partner suchen und sich z.B. am Abend bewusst Zeit zum Chatten nehmen.
Der Mensch im Alltag wird durch viele Einflüsse verwirrt und kann
sich häufig nicht so gut auf die Partnersuche konzentrieren wie der
Chatter oder die Chatterin. Verlieben im Internet geht übrigens
genauso schnell wie auch beim Chat.
Zu Ihrer Person: Sie sind
jetzt knapp 30 Jahre alt, geben als Familienstand
aber immer noch "ledig" an - als Flirtexperte... Haben
Sie selbst es schon mal über das Internet probiert?
Ja, ich habe bis vor fünf Jahren ausgiebig im Internet geflirtet,
d.h. in Chats. Ich hatte insgesamt 11 Dates von Süd- bis
Norddeutschland, und ich muss sagen, es hat mir sehr viel Spaß
gemacht. Mit dem Wochenend-Ticket bin ich damals durch die Republik
gefahren. In der Tat ist das Chatten ja deshalb so reizvoll, weil man
einfach drauflos flirten kann, von zu Hause aus. Leider wird zu
schnell idealisiert, also unbewusstermaßen der Chatpartner zum
Traumpartner konstruiert, ein zweischneidiges Schwert.
Zum meinem Single-Dasein:
Verheiratet zu sein ist kein anstrebenswerter Zustand für mich. Ich
muss nicht verheiratet sein, um mit einer Partnerin glücklich zu
sein.
Herr Dr. Damm, wir danken
Ihnen herzlich für das Gespräch!
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