Frau Alwin, viele
ihrer Geschlechtsgenossinnen über 40 klagen, die Auswahl an passablen
Herren sei generell und insbesondere im Netz ziemlich mager. Haben Sie
bei Ihren Recherchen ähnliche Erfahrungen gemacht?
Och, bei den meisten Singlebörsen war mein Posteingang eigentlich
immer gut gefüllt. Und auch meine Freundinnen haben wenig Probleme
damit, Männer kennen zu lernen oder einen Partner zu finden. Aber wir
haben es vielleicht etwas leichter, weil wir aus dem Model-Umfeld
kommen und deshalb über aussagekräftiges Fotomaterial verfügen, was
im Netz ja schon die halbe Miete ist.
Was ich allerdings sagen muss:
Viele "gute Männer zwischen 40 und 50" scheinen sich das
ganze Jahr so in ihre Arbeit zu stürzen, dass sie für die
Partnersuche keine Zeit mehr haben. Wenn kurz vor Weihnachten dann die
große Melancholie einsetzt, kommen diese Karrieretypen aus ihren
Löchern und wollen mit der Präzision eines Managers ihr Privatleben
rund um die schönsten Tage im Jahr schnell mal eben so organisieren,
wie sie es gerne hätten... Und danach tauchen sie wieder ab...
Was sollen denn all die
anderen Damen machen, die nicht zu den Models dieser Welt gehören?
Ich war neulich bei einem Klassentreffen. Einige sahen aus wie direkt
nach dem Abitur, andere schienen ihre Eltern geschickt zu haben. Aber
was ich am erstaunlichsten fand, waren diejenigen, die sich vom
häßlichen Entlein zum Schwan gemausert hatten.
Was ich sagen möchte: Viele
Menschen haben irgendwie nicht verinnerlicht, dass sie lernen müssen
systematisch an sich zu arbeiten, wenn sie sich auf dem Marktplatz der
Beziehungen gute Chancen bewahren möchten.
Das scheint ähnlich zu
sein wie auf dem Arbeitsmarkt, oder?
Ja, genauso wie die Jobwelt heute ein lebenslanges Lernen erforderlich
macht, ist es auch bei der Partnersuche. Oder: "Mit 30 sieht man
so aus, wie die Natur einen beschenkt hat. Mit 40 so, wie man es
verdient..."
Aber ich würde das gar nicht
unbedingt als Last sehen, denn in erster Linie sollte man ja auf sich
achten, um sich gut zu fühlen. Und es ist doch eine tolle
Möglichkeit, wenn Paare heute nicht mehr gezwungen sind, ein Leben
lang zusammenzubleiben, sondern nach 20 Jahren entscheiden können,
sich noch einmal auf dem Beziehungsmarkt umzuschauen.
Wen haben Sie via Internet
denn so alles getroffen, Frau Alwin?
Im Prinzip sind die Leute, die man online treffen kann, ein ganz
normaler Querschnitt durch die Bevölkerung. Das ist überhaupt nicht
mehr wie in der Anfangsphase des Online-Dating, als man davon ausgehen
konnte, primär auf Gestörte und Kaputte zu treffen. Die Reise, die
ich drei Jahre lang unternommen habe, wurde in meinem Buch "Ins
Netz gegangen" zusammengefasst, das all meine Flirts und Dates
beschreibt. Ich hatte einige doofe und viele interessante Abende, und
in wenigen Fällen ist eine richtige Freundschaft daraus geworden. Am
Ende gab es sogar einen Mr. Right.
Was ist Ihre wichtigste
Message an die Online-Dating-Neulinge,
die Ihr Buch lesen?
Zu Beginn gilt es, einige Stolpersteine zu umschiffen, die das neue
Medium mit sich bringt. Frauen sollten z.B. gleich einen Bogen machen
um die "Haie", die systematisch versuchen, Neumitglieder
abzufangen und mit ihrer Billigmasche herumzukriegen.
Aber das ist nur die
Anfangsphase. Bei weibliochen Singles, die länger am Ball bleiben,
habe ich häufig festgestellt, dass sie die nötige Lockerheit
vermissen lassen. Mit jedem Date wird der Kriterienkatalog im Kopf mit
all den Eigenschaften, die der Gegenüber auf keinen Fall haben darf,
länger und länger. Beim ersten falschen Wort hat man das Date im
Geiste dann schon wieder abgehakt. Hier würde es sicher helfen, wenn
man sich nicht so krampfig vornimmt: "Ich will gleich meinen Mr.
Right treffen!" Schöner ist es doch, wenn man sich einfach auf
einen Abend freut, von dem man nicht so genau weiss was
passiert.
Mein wichtigster Tipp an die
Männerwelt ist: Gebt Euch bitte ein bißchen mehr Mühe mit Euren
Profilen und Mails. Was soll ich mit "Über mich"-Texten à
la "Frag mich, wenn Du mehr wissen willst" oder einer ersten
Mail mit dem Inhalt "Na?" anfangen? Da wird häufig mehr
Mühe in die Anzeige bei AutoScout24 oder Mobile.de gesteckt.
Ist das Internet in Ihren
Augen denn nun ein guter oder ein schlechter Weg, um auf Partnersuche
zu gehen?
Wissen Sie, wenn man im Alter von 20 Jahren abends ausgeht, dann
kommen doch im Prinzip 80% der Menschen, die man auf den ersten Blick
ganz sympatisch findet, für eine Beziehung in Frage. Mit 40 hingegen
ist man schon so gefestigt in seinem Lebensweg und seinen
Vorstellungen, dass es viel schwieriger wird, einen Partner zu finden,
der zu den eigenen Ecken und Kanten passt. Da könnte das Internet,
wenn es denn alle ein wenig ehrlicher und bewusster nutzen würden,
sehr gut vermitteln. Zumal ich mittlerweile zwei Tage Erholungspause
benötige, wenn ich nachts richtig feiern gehe ;-)
Frau Alwin, wir danken
Ihnen herzlich für das Gespräch!
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